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Das Interview wurde am 24.08.2007 veröffentlicht.

Steckbrief
Name: Ulrich Mühl   Alter: 38    Webseite: www.studiomuehl.de
Karriere:
1983 - 1985
Freier Programmierer für den Tronic-Verlag
1985 - 1988
Freier Mitarbeiter der "ASM"
1988
Abitur in Englisch, Französisch, Informatik
1988 - 1993
Volontär, Redakteur, Stellv. Chefredakteur von "ASM"
1993 - 1995
Stellv. Chefredakteur und Chefredakteur der Videospiel-Magazine "Gamers" und "Total!"
1995 - heute
Eigner und Leiter von Studio Mühl


?: Fangen wir mal da an, wo vorne ist: Wie bist Du beim Computerspielen gelandet, wie bei der ASM und warum um Gottes Willen im beschaulichen Eschwege? Und was hast Du vorher so getrieben?
um: Ich denke, es wird das Beste sein, den richtigen zeitlichen Ablauf zu berücksichtigen. Das war alles ganz einfach, schlüssig und unschuldig. Dieses (in der Tat recht beschauliche) Eschwege ist mein Geburtsort. Dort verlebte ich meine frühen Jahre, lernte Fahrradfahren etc. Hier lasse ich jetzt ein wenig aus, so Sachen wie auf Bäume klettern, Rasen mähen etc.

Die damals schon zu weit verbreitete Nutzung des Verblödungskastens hatte auch ihre Wirkung auf mich, und so begann meine „Karriere“ mit dem Atari VCS, das wir (mein Bruder und ich) nach langem Bearbeiten meiner Eltern geschenkt bekamen. So spielten wir Frühwerke wie „Bowling“, „Space Invaders“ etc. Die Sammlung wuchs mit der Zeit, auch um Module von Fremdanbietern (was für ein Verrat an „Captain Atari“, oder wie der hieß! [So hieß der in der Tat.]), die ja in der Regel bedeutend besser waren als die von Atari selbst.

Wie dem auch sei, es folgte irgendwann die Anschaffung eines Commodore 64 (samt Datasette) durch den größer werdenden Wunsch, nicht nur zu konsumieren, sondern selbst zu entwickeln. Auf dem lernte ich dann BASIC und den 6502-Assembler und fing eifrig an, selbst (mehr oder (in der Regel) weniger gute) Spiele zu schreiben - zuletzt immerhin mit eigener Soundroutine etc. Ganz nebenbei: Hierdurch und den später zunehmenden Konsum englischsprachiger Videos besserte sich immerhin meine Englischnote in der Schule dramatisch!

Zu meinem großen Glück war *Eschwege* (Oh ja! www.eschwege.de - Die mehrseitige Reportage über meine sicher bald kommende Ernennung zum Ehrenbürger muss wohl durch eine Verkettung tragischer Umstände verfrüht aus dem Netz genommen worden sein ...) damals das deutsche Mekka der Computer-Fachzeitschriften. Und so kam es, dass der Tronic-Verlag einige meiner Spiele in der Zeitschrift „Compute mit“ als Listing abdruckte - wodurch ich einen für mein damaliges Alter ungewöhnlichen Wohlstand erzielte. Jedenfalls kam mir das so vor. Das hatte natürlich seine zwei Seiten. Während andere anfingen, in die Disco zu gehen, Cliquen zu bilden und *Mädchen* kennen zu lernen, saß ich am Computer und tippte vor mich hin. Nichts anderes war mein Wunsch, fand ich doch das aus meiner Sicht unsoziale Verhalten diverser Altersgenossen und die für mich eher unzugängliche, staubige Wissenswelt meiner Lehrer wenig attraktiv.

So kam es, als ich dem Compute Mit-Redakteur Ottfried Schmidt (der spätere „Baller-Otti“) meine neuste Eigenproduktion präsentieren wollte und etwas warten musste, dass mich ein gewisser Thomas Brandt ansprach, ob ich nicht mal Computerspiele testen wolle. Nach einem kurzen Austausch war die Sache klar, und ich wurde freier Mitarbeiter einer neuen, wenig aussichtsreichen Produktion des Tronic-Verlages: Aktueller Software-Markt.
?: War der Tronic-Verlag Dein erster Arbeitgeber oder warst Du noch irgendwo anders beschäftigt?
um: Der Tronic-Verlag war der zweite Arbeitgeber, bei dem ich fest angestellt war. Zuvor hatte ich einen zweiwöchigen Ausflug in die Welt des Industriehandels unternommen („Junge, du musst was Vernünftiges lernen!“). Andere Zeitschriften gab es vorher nicht - mal von den Listings abgesehen.
?: Du hast auch Layout-Jobs in der ASM erledigt, oder? Was waren sonst noch Deine Aufgaben? Was hast Du als freier Mitarbeiter gemacht, als Redakteur, als stellvertretender Chefredakteur?
um: Je mehr ich in den Job hineinwuchs, desto vielfältiger wurden die Aufgaben. Als freier Mitarbeiter war ich weitgehend mit Tests befasst - also Software entgegennehmen, abhauen, testen, Test schreiben, Software und Text abliefern (der zum Glück redigiert wurde - ich war oft *sehr* ehrlich, und mein Stil weit davon entfernt, gut entwickelt zu sein), dann die nächste Software mitnehmen etc. Hinzu kam dann die Unterstützung bei den Screenshots, die damals per Kamera direkt vom Bildschirm gemacht wurden.

Irgendwann wurde klar, dass man mich gern nach dem Abitur anstellen würde. So oder so verbrachte ich bereits die meiste Zeit am Rechner oder in der damaligen Redaktion.

Als Redakteur ging die Arbeitsrichtung dann immer weiter vom Spielen weg, hin zu Firmenkontakten, Messebesuchen, Korrekturlesen, Druckabwicklung, Schreiben, manchmal auch Layout, also die Arbeiten, die damals in einer Redaktion eben anfielen. In der ersten Zeit war es so, dass jeder Redakteur seine Beiträge selbst layoutet hat - was das stellenweise sehr ... hmm ... „kreative“ Layout erklärt. Später bekamen wir dann eine Layouterin, die sich weitgehend um diese Arbeit gekümmert hat.

Als Stellvertretender Chefredakteur setzte sich diese Entwicklung im Grunde genommen fort, erweitert um mehr Planungsarbeit und die Funktion als allgemeiner Ansprechpartner in allen Dingen - neben den ganzen anderen Arbeiten, versteht sich. Das Feedback hatte ich mir ja bis zuletzt nicht nehmen lassen.
?: Wie sah ein typischer ASM-Arbeitstag bei Dir aus?
um: Das hängt natürlich von den oben beschriebenen Phasen ab. Ich nehme mal eine der späteren Phasen, als der Tronic-Verlag bereits zum DMV-Verlag umgezogen war. Tja, morgens antanzen, und dann geht’s los. In der Regel war ich eine ganze Weile vor den anderen am Platz. Insofern hatte ich Ruhe, um einige Dinge erledigt zu bekommen. Oft rief die Repro (die erstellten damals die Druckvorlagen bildlicherseits) an, weil es Fragen zum Layout gab. Als Stellvertretender kannte ich damals jede Seite eines Heftes und beantwortete die Fragen meist aus dem Kopf (was kein Witz ist). Danach wurde abgeglichen, wie der Stand des Heftes war. Waren wir also im Zeitrahmen oder nicht? Wenn nein, was musste getan werden, um das zu ändern?

Dann wurde getippt und telefoniert. Manchmal schaffte es tatsächlich ein Leser, sich von der Zentrale durchschalten zu lassen. Dieser landete seltsamerweise in der Regel bei mir. Also geduldig Fragen beantworten und erklären, dass man eigentlich keine Zeit hat, da das nächste Heft ja fertig werden muss.

Die Arbeit der Redakteure, der freien Mitarbeiter und des Layouts musste koordiniert und unzumutbarer Unsinn entfernt werden.

Irgendwann war Mittag. Dann gab es etwas Verkohltes und einen Schokoriegel aus der Kantine. Grauenvoll. Im Nachhinein. Damals halt normal. Wenn der Feuermelder anging, brutzelte es bei Frau General Erika. Okay, er ging nicht wirklich an. Was mich wunderte. Vielleicht war er ja kaputt.

Nach der nicht wirklich existierenden Mittagspause ging es dann ebenso weiter, gegen Abend waren in der Regel Seiten fertig, die gingen dann per Kurier raus, oder es kamen Seiten zum Gegenchecken etc.

Tja, und so saßen wir oft genug 13 und 14 Stunden am Tag in der Redaktion. Viel Arbeit, wenig Spaß? Später leider ja.

Nicht vergessen: Ausschau nach Rote-Nasen-Kandidaten halten und ggf. anbringen.
?: Und wie sah es in den ASM-Redaktionsräumen aus? Weite, lichtdurchflutete Flure, die man nur mit Fahrrädern vernünftig durchqueren konnte oder winzige, fensterlose Kellerräume mit den Überresten mittelalterlicher Folterketten an den Wänden?
um: Eigentlich wollten wir ja das Kolosseum. Oder den Frankfurter Flughafen. Leider mussten wir uns dann mit recht gewöhnlichen Büroräumen zufrieden geben. Nun, anfangs waren sie recht normal. Dann kamen wir. So wirklich ordnungsliebend und bieder waren die wenigsten von uns.

Die Kollegen von den „richtigen“ Computerzeitschriften im Nebengebäude trauten sich nur selten bei uns herein, und wenn, dann stand ihnen meist der Mund etwas offen. Der Flur war noch denkbar kahl, doch in den Redaktionsräumen herrschte ein buntes Durcheinander, und mit schöner Regelmäßigkeit flogen farbenfrohe Metaphern durch die Luft. Wir waren oft sehr direkt. Wir konnte es uns leisten, denn wir hatten trotz allem Erfolg.
?: Was hat man bei der ASM verdient? Konnte man davon einigermaßen leben?
um: Wenn ich mich recht entsinne, waren die Gehälter unter Tarif. Doch wenn man noch zuhause wohnt und nur am Wochenende mal was unternimmt, braucht man gar nicht so arg viel Geld. Insofern war sogar immer noch etwas übrig. Fragt sich, ob man das „leben“ nennen möchte. Es war damals mein Leben, die ASM zu machen - so gut es eben geht.
?: Wie viele Leser hatte die ASM eigentlich zu Spitzenzeiten?
um: Anfangs gab es im Sommer zwei Doppelausgaben, die verkauften sich noch etwas besser als die regulären Hefte. Ich meine, es wäre irgendwo zwischen 100.000 und 150.000 Heften gewesen. Der Redaktion hat man solche Zahlen nur ungern gegeben. Waren die Zahlen gut, folgten ihnen in der Regel ja Forderungen nach besserer Ausstattung etc.
?: Ich hab's gerade nicht im Überblick, aber ich glaube, außer Michael Suck war niemand so lange bei der ASM beschäftigt wie Du. Hat sich über all die Jahre die Atmosphäre in der Redaktion verändert? Wie war das in den Anfangstagen, und wie, als Du gegangen bist? Wann war's am schönsten, wann eher nicht so?
um: Das kann sein, er war auch sehr lang da. Natürlich ändert sich die Atmosphäre ständig. Mit jedem Mitarbeiter, mit der Chemie zwischen den Leuten, mit Ereignissen im scheinbaren Außen. In der ersten Zeit war die Atmosphäre (aus meiner Sicht) sehr entspannt. Wir hatten viel Spaß, machten auch mal pünktlich Schluss. Da gab es ein Fußball-Endspiel im Testraum, eine Pampelmusenschlacht, fliegende Teebeutel und dergleichen mehr. Ob das „am schönsten“ war, das kommt natürlich darauf an, wie man „schön“ definieren möchte. Diese Zeit war auf jeden Fall am lustigsten.

Später wurde es dann immer mehr Arbeit, was sehr lehrreich war - zuletzt wurde es extrem mühsam, da wir das Heft nicht nur wegen der wachsenden Konkurrenz umbauen mussten, sondern auch intern um unsere Freiheit zu kämpfen hatten. Dennoch war es eine immens wichtige Zeit, die ich unter keinen Umständen missen möchte.


Spiele-Tests


?: Hast Du auch privat gespielt oder nur in der Redaktion? Habt ihr Spiele mit nach Hause genommen und da weitergetestet?
um: Ich habe die ganze Zeit sehr intensiv gespielt. Zu Beginn gern und viele Rollenspiele - doch fehlte dazu später einfach die Zeit, da habe ich mich auf die Action verlegt.
In der Redaktion war man gezwungen, das „Spielen“, das dann immer stärker zum eher sachlichen „Testen“ wurde, zeitlich zu begrenzen. Titel, die es einem angetan hatten, nahm man durchaus mit nachhause, um abends „Überstunden“ zu machen. Doch waren das nicht sehr viele (Titel).
?: Was hattest Du damals an Hardware zuhause stehen? Was war, allgemein, Dein Lieblingssystem?
um: Oh, das war zuletzt ein ganzer Haufen: C-64, SNES, Mega Drive, PC Engine, Amiga 1000, MSX2, PC, um nur die wichtigen zu nennen. Für jedes System gab es Highlights, und an jedem Dinge, die mir besonders gefielen. Bei C-64, PCE und MSX2 mit Modulchip hat es mir bis heute die Musik angetan, bei Nintendo generell die Qualität der Spiele (natürlich gab es auch hier Ausnahmen). Insofern fällt es mir nicht leicht, nur einen Favoriten zu nennen. C-64, SNES und PCE würde ich aber klar an die Spitze setzen, in späteren Zeiten dann zudem den PC.
?: Wie lange hast Du ein Spiel für einen Test gezockt?
um: Das war sehr stark vom Spiel abhängig. Manche Spiele erschlossen sich sehr schnell (z.B. der Flop des Monats), andere musste man erst mal begreifen - oder gar an Kollegen abgeben.
So habe ich den Reiz von Populous nie nachvollziehen können. Der arme Peter Molyneux. Da war ich auf irgend einer Messe in den USA, und jemand Eifriges vom Publisher konnte gerade noch organisieren, dass mir Peter höchstpersönlich Populous 2 (Amiga) vorführt. Und ich muss ihm dann erklären, dass mir Teil 1 (von dem scheinbar alle anderen begeistert waren und auf den er sich stets bezog) eigentlich nicht so sehr gefallen hat. Na, der hat ein Gesicht gemacht ... ;)

Ich konnte ihn aber beruhigen, indem ich versprach, dass ich es nicht testen würde, sondern die Populous-Fans der Redaktion. Dasselbe habe ich dann ein paar Jahre später noch mal mit Jon Hare gemacht, als ich ihm erklärte, dass ich Fußball-Spiele doof finde ... lol.

Um aber die Frage zu beantworten: Zwischen einer halben Stunde und mehreren Tagen (dann mit intensivem Freizeiteinsatz).
?: Deine Lieblingsspiel-Top-5 von damals? Dein persönliches Hassobjekt (so Du Dich daran erinnern kannst)?
um: Mal überlegen ...

Wizball, auf jeden Fall
Commando
Fort Apocalypse
Juice
Drelbs (so hieß das, glaub ich) [Anm. von Lari: Stimmt!]
Miner 2049er
Jumpman
Racing Destruction Set
Shamus & Shamus Case II (fast unspielbar, aber irgendwie klasse)
Paradroid
Might & Magic
Decathlon (Atari VCS)
Pitfall II (Atari XL)
Viele Titel von Tony Crowther
Das Meiste von Cosmi (ja, auch das eigentlich unspielbare Caverns of Kafka)
Das Meiste mit Musik von Rob Hubbard wegen der Musik von Rob Hubbard)


Später dann ...

Diverse Mario-Spiele, insbesondere SM2, SM3 und SMW
Bomberman (Mehrspieler)
Gradius und alle Ableger (auch auf MSX, trotz Ruckelscrolling)
Gunhed und alle Nachfolger (PCE)
Diverse Castlevania-Teile, insbesondere auf SNES
... und natürlich das unvergessliche Super Metroid.
und Sim City 2000
... die Liste könnte noch sehr lang werden, also höre ich hier besser auf.


Mit den richtigen Ass-Kandidaten habe ich mich nie so arg lang auseinandergesetzt. Auch bleiben solche Namen nicht haften. Eine gewisse Hassliebe verband mich mit Ghouls ’n’ Ghosts. Toller Titel, aber so abartig schwierig ... man hat ja selten Level 2 gesehen!
Bei irgend einem Flop des Monats war doch mal ein Keksrezept dabei ... „Killer irgendwas“ ... hat das Spiel auch nicht gerettet.
?: Habt ihr die getesteten Spiele archiviert? Ihr wart ein Multiformatmagazin, das müssen doch gigantische Mengen gewesen sein! Was ist letztendlich damit passiert?
um: Ja, wir hatten einen „Archivraum“ - also einen Raum mit Regalen, in den wir die Spiele später eigentlich nur noch reingeworfen haben. Was für eine Rumpelkammer!
Viele unserer Leser hätten ihre rechte Hand für einen Besuch gegeben ...

Doch so toll war das dann auch wieder nicht. Zum einen war viel Schrott dabei. Zahlreiche Titel kamen ja leider nicht über das qualitative Mittelmaß hinaus. Viele Packungen waren zerfleddert, zerschnitten oder hatten den Ablageprozess nicht überlebt. Zum anderen: Später bekamen wir oft Vorabversionen für den Test (und keine Muster mehr). Die mussten zurückgegeben oder vernichtet werden. Teilweise wurde auch privat archiviert oder auch mal verschenkt. Viel ist ganz am Ende gar auf dem Müll gelandet.
?: Es gab immer mal wieder (nicht nur bei euch) idiotische Screenshots, die nur das Titelbild eines Spiels zeigten oder irgendein nichtssagendes Optionsmenü. Hatte man als Tester Einfluss darauf, welche Bilder unter den eigenen Text kamen? Wer hat die Screenshots gemacht?
um: Anfangs hatten wir hierauf nur wenig Einfluss. Die Bilder wurden vom Verlagsfotografen gemacht, und der hatte mit Spielen wenig am Hut (manchmal dachte ich, mit dem Fotografieren auch nicht ;)). Insofern war es, saß man nicht daneben, ein wenig ein Roulettespiel. Auch hatte er oft mehr zu tun und konnte nicht warten, bis man endlich in Level 3 war (um der Leserschaft zu zeigen, dass man zu so etwas durchaus imstande war) ... na, der hielt also drauf, und von den Bildern waren viele so verwackelt, dass die letztendliche Auswahl oft äußerst bescheiden war. Und der Drucktermin, der ist unerbittlich.

Später gingen wir dann immer stärker dazu über, die Bilder selbst zu machen. Da wurde es dann (in der Regel) gehaltvoller.
?: Habt ihr die Konkurrenzblätter gelesen und deren Testergebnisse mit euren verglichen?
um: Wir haben die Kollegen natürlich beobachtet. Einen direkten, ständigen Vergleich gab es aber nicht. Wir wussten ja in etwa unsere Wertungen und haben die beim Durchsehen grob verglichen. Kam das ähnlich raus, wurde nicht weiter hingesehen. Bei großen Unterschieden haben wir das natürlich genauer studiert.
?: Als freier Mitarbeiter hast Du viel getestet, später dann als Redakteur eher selten. Wie kam das? Wolltest Du nicht mehr oder hat die Chefetage Dich anderweitig abgestellt?
um: Wie schon gesagt, blieb hierzu immer weniger Zeit. Eine Zeitschrift zu machen besteht eben nicht nur aus „Recherche“. Und gerade diese nachfolgenden Arbeiten haben mich dann sehr in Beschlag genommen - zudem später die Sonderhefte und das wachsende ...


...Feedback


?: Weißt Du noch, ab wann Du das Feedback übernommen hast? Klar, die 10/'90 ist die erste mit einer von Dir geschriebenen Einleitung, aber vorher warst das doch auch Du, oder? Stand ja immer nur "Anm. d. Red." drunter, aber schon eine ganze Weile vorher klangen die Antworten sehr nach Dir.
um: Oha, da muss ich passen. Es war vorher, da bin ich sicher, aber wann genau ... ?
Man hatte aber auch schon versucht, den Stil etwas aufzumöbeln.

Ich müsste es nachprüfen, wozu ich gerade keinerlei Lust habe, doch meine ich, dass ich das Feedback schon vor meiner Anstellung beim Verlag übernommen habe.
Man hatte sich also entschlossen, mir dies anzuvertrauen. Es ist nicht sehr üblich, einem Freien (Mitarbeiter) eine feste Rubrik zu übertragen - die Gründe hierfür sind offensichtlich. Im Nachhinein ein Votum des großen Vertrauens, das ich mir erarbeitet hatte. Damals hatte das für mich keine weitere Bedeutung. Von heute aus betrachtet schon etwas ungewöhnlich.
?: Wie lange hast Du für ein ASM-Feedback arbeiten müssen?
um: Anfangs hatte ich die äußerst luxuriöse Zeit von einer Woche (inklusive weniger anderer Arbeiten). Sehr angenehmes Arbeiten. Später dann erklärte man mir, dass das schneller gehen müsse. Dann schaffte ich es schneller. Das waren dann so zwei Tage in der Regel.
?: Wie viele Briefe kamen denn da so pro Monat?
um: Das werden in den frühen Zeit so 150 gewesen sein, später dann eher 250-450. Je nach Monat und Themen.
?: Heute ist der Frauenanteil unter den Gamern ja nicht so wahnsinnig hoch, aber damals sah das noch viel trüber aus. Ich kann mich nur an zwei oder drei Briefe erinnern, bei denen Dir Leserinnen schrieben. War das repräsentativ? Gab es tatsächlich so wenige weibliche Fans?
um: Schwer zu sagen, denn die Leser, die überhaupt einen Brief schreiben, sind ja schon nicht mehr repräsentativ. Es kamen extrem wenige Briefe von Leserinnen. Da war man schon froh, dass überhaupt mal einer kam. Diese geben einem dann aber meist auch keine „typisch weibliche“ Perspektive - denn die wäre ja, so scheint es, sich nicht mit dem Thema zu befassen - also so etwas wie ein „schwarzer Schimmel“.
?: Womit wir bei einer der brennenden Fragen wären: Nach welchen Kriterien hast Du die Briefe, die abgedruckt wurden, ausgewählt? War das ein thematischer Querschnitt der Post die Dich erreichte, oder hast Du versucht, die Diskussionen durch die Auswahl zu steuern? Hast Du versucht, die Leser durch den Abdruck absehbar kontroverser Post (Dr. Waldemar Mahnmann, anyone?) zu provozieren?
um: Natürlich musste das Feedback gesteuert werden. Wäre es rein (also: mathematisch) repräsentativ gewesen, wäre das Feedback voller „Ich finde die ASM toll, könnt Ihr nicht auch mal dies oder jenes, was macht Ihr eigentlich mit den ganzen Spielen, Ihr habt ja meine Adresse“ gewesen. Kurz: Auf Dauer extrem ermüdend.

Also nimmt man das weitgehend raus und schaut, was an wirklichen Themen bleibt. Es soll ja interessant sein. Im Fernsehen schaut man ja auch Formel-1 und nicht den Feierabendverkehr.

Es musste zudem stets eine gewisse Mischung sein, um nicht zu einseitig zu werden. Das wurde damals nicht so planvoll gemacht, wie es heute womöglich erscheint. Ich habe eben das genommen, was relevant und druckbar war.
?: Es gab immer wieder Briefe, die mir persönlich ziemlich auf den Sack gegangen sind. Die fingen in der Regel an mit Sätzen wie "Das Geschleime, dass die ASM das beste Magazin des Planeten ist, spare ich mir mal…", und endeten mit "Das ist mein 97.042 Versuch, ins Feedback zu kommen." Nervt einen das nicht? Sah so wirklich eine Mehrheit der ASM-Korrespondenz seitens der Leser aus? Und wenn so was schon in Druck ging, was war dann erst mit dem Ausschuss, also den Briefen, die nicht gedruckt wurden? Gab es welche, die Du schon aus Prinzip außen vor gelassen hast (Schleimbriefe, Drohbriefe…)? Wie musste ein Feedback-Brief typischerweise aufgebaut sein, um bei Dir Brechreiz/mittelschwere Arkelanfälle zu verursachen?
um: Das kam in Wellen. Ja, viele haben das irgendwie in dieser Art geschrieben. Warum auch immer war es äußerst erstrebenswert, den eigenen Brief im Heft zu haben. Vielleicht aus dem Wunsch heraus, ernst genommen zu werden.

Vieles musste von vorn herein aussortiert werden, das ist klar, also alles in den Richtungen „Schickt mir bitte die Lösung von ...“ (harmlos) über „Wir sind die coolsten Cracker und versorgen Euch, wenn ...“ (haha, nix verstanden) bis hin zu „Wir beobachten Euch und wissen genau ...“ (hatte mich schon gewundert ...).

Wir hatten ja teilweise auch Zuschriften, die grob beleidigend waren und Themen streiften, bei denen man überlegte, ob es nicht angemessen sei, die Polizei zu verständigen. Seltsamerweise kamen die meist ohne Absender ... also gleich in die Rundablage.

Was teilweise an Leserpost kam, war schon heftig. Doch daran gewöhnt man sich. Man hat eben ein dickes Fell - und einen großen Papierkorb. In manchen Zuschriften war ja auch ein sinnvoller Kern. Dann musste eben hart gekürzt werden, wenn ein Gedanke wertvoll, der Rest aber Mist, beleidigend etc. war.

Angeblich werden ja heute Bakterien zur Herstellung von Joghurt in Kläranlagen gewonnen. Hab ich mal gehört. Muss ja nicht stimmen. Aber das Beispiel würde passen.
?: Und wie war ein Brief beschaffen, bei dem Du sofort wusstest, dass Du ihn ins Blatt nimmst?
um: Höflich, interessant, treffend. Oder einfach cool und auf den Punkt. Oder kurz. Oder schlicht und ergreifend themenbezogen relevant.

Damals galten dieselben Regeln wie heute und meines Erachten allgemein gelten sollten: Jeder Gedanke und jede Ansicht ist zugelassen, solange er/sie in Achtung vorm Gegenüber, also nicht-agressiv vorgetragen wird und keine Dogmen breitgewalzt werden. So zu kommunizieren ist eine Kunst für sich, die leider viel zu wenige Menschen beherrschen (auch wenn es viele aus Bequemlichkeit heraus meinen). Die Masse schaut leider nicht über den eigenen Tellerrand hinaus.

Natürlich mussten Kompromisse gemacht werden, weil die Leserschaft ja gerade in einem Stadium ihrer (menschlichen) Entwicklung steckte, in der man sich am meisten mit sich selbst befasst. Insofern konnten wir solche hehren Dinge nicht erwarten.
?: Während die frühen Feedbacks hauptsächlich aus Kritik am Blatt, Hardware- und Softwarefragen bestanden, entwickelte die ganze Geschichte nach und nach eine Eigendynamik, die – man möge mich korrigieren – im deutschsprachigen Raum einmalig geblieben ist, mit über zig Ausgaben geführten Diskussionen auch über computerfremde Themen. Deine Lieblings-Feedback-Diskussion? Okkultismus, Raubsoft, Lamer/Loser-Debatte…?
um: Ich hatte leider wenig Zeit, andere Leserpost-Seiten zu verfolgen. Ich nehme an, dass es einige Plagiate gab, aber nichts, das so weit ausführte. Die großen Themen wurden ja letzten Endes von den Lesern bestimmt. Was von vielen aufgegriffen wurde, ging eben weiter. Wildwuchs wurde dabei natürlich eingedämmt, Kriterien siehe oben. Es ging ja teilweise ganz schön wild zu. Ein besonderes Thema ist bei mir jedoch nicht hängen geblieben. Alle hatten sie ihren Reiz.

Jedoch kann ich mich noch an den einen oder anderen Brief erinnern, den wir in der der ASM folgenden Redaktion erhielten ... mein lieber Schwan ... „Mehr Erotik in Videospielen“ ... mit „F...männchen“ und „F...weibchen“ ... =:-o
?: Mein ewiger Feedback-Lieblingsbrief ist der mit dem halb eingegrabenen Schwein von einem Typen, der sich "Schorle, der Gnom in Strapsen" nannte, der sicherlich bitterste an den ich mich erinnere ist von jemandem, dessen Name "der Redaktion bekannt" war und der ausführlich erzählte, wie ihn Computerspiele ins soziale Abseits gedrängt hatten. Ist Dir ein bestimmter Brief besonders im Gedächtnis geblieben?
um: Nicht wirklich. Ich weiß noch, dass ich irgendwann mal schrieb, die Leute sollten sich nicht *nur* mit dem Computerspielkram befassen, sondern auch mal was anderes („Vernünftiges“) machen. Darauf gab es recht gespaltene Reaktionen ... lol.
?: Apropos Schorle: Die Pseudonyme, unter denen später immer mehr Leser schrieben (auch, wenn sie nicht dem Crackerhandwerk nachgingen und die Anonymisierung eigentlich nicht notwendig gewesen wäre) wurden gegen Ende immer seltsamer, wahnwitziger und länger, was so weit ging, dass Du sie gekürzt und mit Auslassungszeichen versehen hast. Hast Du einen All-Time-Favourite bei den Namen der Schreiber?
um: Nein
?: Cracker, Szene, Pseudonyme: Weite Teile der Raubkopiererszene haben sich im Feedback verewigen dürfen. Hattet ihr die Namen und Adressen von den Leuten (die ja auf Anonymität sicher großen Wert gelegt haben)? Stand da ein Absender auf den Briefen oder lief das alles anonym?
um: In der Regel hatten solche Briefe keinen Absender - oder nur eine PLK-Angabe.
?: Wie sah es überhaupt mit Deinen Kontakten in die Szene aus? Immerhin wusstest Du ziemlich gut Bescheid, was in Crackerkreisen vor sich ging ("Jester und Diddle sind inzwischen nicht mehr bei Sanity, sondern bei den Rebels.").
um: Wir hatten nicht sehr viel Kontakte in die „Szene“. Dies war auch nicht erforderlich. Natürlich kannte man den einen oder anderen Namen, hatte sich mal am Telefon unterhalten, doch war der Einfluss dessen auf meine Arbeit nicht sehr groß. Ich war kein so großer „Szenekenner“, wie das scheinbar manche glauben.

Dazu sollte man auch sehen, dass eine zu enge Bekanntschaft mit den Crackerkreisen unserer Position gegenüber den Softwareherstellern nicht unbedingt gut getan hätte. So war es z.B. gar nicht so lustig, dass immer wieder mal einer damit angegeben hat, dass er uns „versorgt“. Wir bekamen immer mal (unerwünscht) Umschläge mit Floppies von irgendwelchen PLK-Absendern.
?: Hast Du Briefe von damals behalten oder ist das alles in den Schredder gewandert?
um: Alles geschreddert, recycelt, kompostiert, oder was auch immer. Parkbänke, Grabsteine, Leitpfosten.
?: Es gab im Feedback immer mal wieder Geplärre, dass dieser oder jener Brief von euch fingiert gewesen wäre. Als bestes Beispiel fällt mir einer ein, der von einem A-Man of Tropic stammte und über Lamer und Loser herzog. Einen A-Man hattet ihr auch in der Redaktion (Hans-Joachim Amann), der aber mit dem briefeschreibenden A-Man, der in der Tat das musizierende Mitglied einer Crackergruppe war, nichts zu tun hatte. Um diese Gerüchte endlich zu falsifizieren oder am Ende gar doch zu verifizieren: Gab es mal einen Brief, den die Redaktion selbst verfasst und dann ins Feedback geschmuggelt hat?
um: Das wäre ein Leichtes gewesen, ist aber nicht gemacht worden. Unsere Leser waren auch ohne Unterstützung wahnsinnig genug. ;)
?: Während man, wie gesagt, in frühen Ausgaben nie genau wusste, ob bei den Feedback-Antworten Manni oder sein Hund oder sonst wer an der Tastatur saß, wurden spätere Feedback-Teile durch ein schmuckes Konterfeit von Dir geschmückt, nebst einem streckenweise durchaus persönlichen Einleitungstext. Wer kam eigentlich auf die Idee, das Feedback durch Dich auf diese Weise zu personalisieren? Hat sich das irgendwann so ergeben oder war das eine bewusste Entscheidung von irgendwem? Immerhin warst Du damit, soweit ich weiß, der erste echte Computerspielmagazinleserbriefonkel (was'n Wort!) der Republik.
um: Es kam immer wieder die Frage auf, wer denn eigentlich die Antworten schreibt. In der allerersten Phase war es wohl noch so, dass dies rundgegeben wurde, und immer der-/diejenige zu Wort kam, der etwas schreiben wollte oder nicht schnell genug wichtige Arbeit vorgeschützt hat. Später dann wusste eben ich alles.

Ein großer Plan stand (zumindest von meiner Seite) nie dahinter. Die Beliebtheit des Feedbacks zeichnete sich ab, doch erschlossen wir ja Neuland. Niemand hätte gedacht, dass sich irgendwann mal, nach dem Jahr 2000, noch jemand dafür interessieren würde. Kein anderes Blatt würde seinen Lesern so viel Platz einräumen - zumal gleich vorn im Heft - und in jeder Ausgabe füllen können. Insofern gab es keinerlei Erfahrungswerte. Wir haben das einfach so gemacht. Ob es nun „richtig“ war oder sich alle kollektiv einfach dran gewöhnt haben - wer kann das schon sagen? Vermutlich ein wenig von beidem.
?: Die dunkle Sonnenbrille war ziemlich bald Dein Markenzeichen. Bist Du wirklich ständig mit dem Ding rumgelaufen, oder war das eher was für die Fotos?
um: Das war nur für die Fotos. Und strenges Gegenlicht. Es gab ja auch ein Bild ohne Sonnenbrille und (gerechterweise) ein Bild ohne mich. Ohne Brille wär’s halt kein Feedback gewesen.
?: Die Einleitungstexte hast Du ja nicht nur für das Feedback geschrieben, sondern auch für den Secret Service. Diese halbe Seite war für gewöhnlich weder geheim noch dienstleisterisch relevant, sondern enthielt oft literarische Miniaturen herzerfrischenden Unsinns ("Laß' sofort Dein Obst fallen, oder ich werde Deine Ohrläppchen mit der Baggerschaufel kratzen."), was in der seriöseren ASM der Anfangstage ('86, '87) undenkbar gewesen wäre. Haben die Dir erlaubt, so was zu schreiben? Musstest Du überhaupt noch irgendwen fragen?
um: Irgendwo musste der Wahnsinn ja untergebracht werden. Ich war sehr frei in dem, was ich schreiben durfte. Das Vorwort eines Sonderhefts bestand ja nur aus wild reingehackten Buchstaben ...

Sicher war man auch froh, wenn das Heft voll war - voll mit etwas, das wohl niemand sonst so geschrieben hätte und das den Lesern (oder zumindest manchen) zu gefallen schien. Ich glaube, die anderen haben ihren Stil dann nach und nach aufgelockert.

Möglicherweise wirkte das Heft insgesamt aber auch recht locker, weil ich in fast jeder Ausgabe zwischen 10 und 20 Seiten gefüllt habe. Das hat mit Sicherheit geprägt. Mindestens ebenso wichtig waren aber sachliche Testberichte.


Redaktionelles, Zwielichtiges & das Ende der ASM


?: Dein Stil war schon in der Frühzeit der ASM vergleichsweise locker und angenehm frei von Anführungszeichen (die bei anderen "Schreibern", nicht zuletzt Manni "himself", in jedem Satz mindestens einmal ihren "Auftritt" hatten). Wenn man die frühen Ausgaben liest, hat man den Eindruck, der Rest der Redaktion wäre nach und nach auf Deine Linie eingeschwenkt. Wie erklärst Du Dir den Wechsel im Schreibstil der ASM, weg von einem irgendwie seriös gemeinten Marktbericht hin zu einem coolen (jawollja!) Jugendmagazin? Hatte das mit der Zusammensetzung der Redaktion zu tun?
um: Das glaube ich weniger. Die ASM hatte halt ihre Leser gefunden, und der Erfolg gab uns (das) Recht. Wenn man zu Beginn eines Projektes nicht genau weiß, ob man Erfolg haben wird, bestimmen die Bürokraten sehr stark die Kreativen. Wenn sich die Kreativen durchsetzen und die Zahlen stimmen, können die eigentlich machen, was sie wollen.

Rein redaktionell gesehen: Wenn man bemerkt, dass die Leserschaft einen Autoren lieber mag, weil er Sachen einfacher erklärt oder in der gewünschten Sprache, ist es doch klar, dass man sich das aneignet.

Möglichweise habe ich unbewusst etwas dazu beigetragen, den Nerv der Leserschaft besser zu treffen. Wäre mein Stil nicht gut angekommen, hätte ich ihn halt ändern müssen. Dann hätten wir aber einiges verpasst.
?: Deine Antworten zu Hardwarefragen haben immer wieder durchblicken lassen, dass Du technisch durchaus versiert warst – oder in der Hinsicht zumindest deutlich mehr draufhattest als ich Schnallnix. Zusammen mit Baller-Otti hast Du sogar ein Shareware-Spiel veröffentlicht (mit lauter Kürzeln von ASM-Redakteuren in der Highscoreliste!). Erzähl mal!
um: Wie bereits erwähnt, hatte ich relativ früh mit dem Programmieren begonnen. Ich habe es zwar nie weit damit gebracht, doch gab mir das einen recht guten Einblick in die Funktionsweise von Computern und diverser Hardware. Darauf aufbauend ist es natürlich bedeutend leichter, Neuentwicklungen zu verstehen, Fehlerquellen zu finden etc. als für einen Laien.

Zumal geht es mir ehrlich gesagt auf den Keks, wenn Geräte nicht das tun, was sie tun sollen, die Bedienung vom andern Stern kommt, oder sie schlicht und ergreifend kaputt sind. Da folgt es ganz natürlich, dass man sich ein wenig mit der Materie auseinandersetzt. Das begann bei mir schon recht früh, da habe ich einen Lautsprecher der Stereoanlage meiner Eltern „repariert“. Oder so. Na ja, man kaufte dann eine neue Anlage... versteh ich gar nicht.

Ottfried und meine Wenigkeit trafen uns regelmäßig, um uns mit unseren neusten Amiga-Kompositionen zu beschallen. Da er seinerzeit den Schneider/Amstrad CPC intensiv programmiert hatte und dies auf dem Amiga fortführen wollte, kam recht schnell die Idee zustande, gemeinsam etwas zu entwickeln. Also setzen sich ein Hobby-Programmierer und ein recht untalentierter Grafiker zusammen und haben sich so die Zeit vertrieben.
?: Das Spiel, ursprünglich "Blizzard" geheißen, wurde später von Crackern umgemodelt und mit neuem Namen ("Unilyte") und falschen Credits versehen in Umlauf gebracht... Stichwort Raubkopien: Im Kleinanzeigenteil der ASM wurden die schlimmen Scheiben mehr oder minder öffentlich angeboten ("For the newest Stuff write to […] No Lamers!"). Das war ja schon eine Gratwanderung, denn die Softwarefirmen dürften darob, so sie es denn mitbekommen haben, nicht begeistert gewesen sein, oder?
um: Ja, so was ist theoretisch knifflig. Rechtlich betrachtet aber eher nicht. Könnten ja auch Demos oder Freeware sein. Das ist zwar gequirlter Mist, aber rechtlich relevant. Wer mit unserem Unrechtssystem schon mal in Kontakt gekommen ist, wird das bestätigen können. :)

Man kann ja nicht bei jedem Inserenten vorbeifahren und nachgucken. Im Zweifel wird also für den Angeklagten gesprochen. Auch wenn sich so mancher Manager (damals wie heute) scheinbar die Inquisition zurückwünscht.

Wir haben der Anzeigenabteilung eine Weile zur Seite gestanden, um die kritischen Anzeigen auszufiltern. Natürlich gab es immer mal ein bisschen Ärger hier und da, insbesondere und seltsamerweise gerade bei den Firmen, die in den Tests nicht so gut abschnitten. Die kamen dann und beschwerten sich über dies und jenes und manches.
Einmal wurde ich sogar angezeigt und der Erpressung bezichtigt. Schönerweise konnte ich rekonstruieren, wo ich an besagtem Tag war, und natürlich stand Aussage gegen Aussage. Besagte Firma gab es danach nicht mehr lang. Ein Jammer. Hätte so ein gutes Produkt werden können, und dann so ein Unsinn.
?: Bei einigen Tests aus den damaligen ASM-Konkurrenzblättern fragen wir uns, ob sie gekauft wurden, das beste Beispiel ist die 91%-Wertung für das unsägliche Rise of the Robots in einem bekannten Amiga-Magazin. Kamen solche Angebote der Softwareindustrie an euch vor ("Wenn ihr... dann wir...")?
um: Mir gegenüber nicht. Oder ich habe es nie kapiert. Ich weiß, dass andere Kollegen durchaus solche Angebote erhalten haben. Meines Wissens wurden sie stets abgelehnt. (Andernfalls hätte man es aber vermutlich nicht ans schwarze Brett gepinnt ...)

Hier muss man aber auch sehen, dass die Geschmäcker manchmal sehr seltsame Wege gehen können ... so habe ich mal einen Freund genötigt, Quake II mit Cal Tjader zu unterlegen. So haben wir bei sanfter Cocktail-Party-Musik Zombies gesprengt...
?: Die ASM hatte insgesamt drei Chefredakteure, Du hast unter zweien davon gearbeitet (Manni und Mats; auf den dritten kommen wir gleich noch zu sprechen). War das dasselbe in grün oder gab es spürbare Unterschiede? Wie viel Macht hatte so ein ASM-Chefred? Oder war die ASM nach außen hin (Schreibstil, Layout) und nach innen (Arbeitsklima) eher vom Kollektiv der restlichen Mitarbeitern geprägt?
um: Es war dasselbe - und komplett anders. Man muss halt rausbekommen, wie man sich einbringen kann. Was geht, was nicht. Manfred war ein vollständig anderer Charakter als Mathias. Insofern fanden die Unterschiede stark auf der persönlichen Ebene statt, denn die rein technische Arbeit ist ja dieselbe. Unter Mathias ging die ASM in ihre Workaholic-Phase. Es wurde bedeutend ernster, was ja nichts Schlechtes sein muss.

Die „Macht“, wenn man es überhaupt so nennen kann, die ein Chefredakteur hat, lässt sich über ein paar Faktoren gut ermitteln. Eine Gleichung, die so etwas beschreibt, könnte etwa so aussehen (wobei ich keinesfalls Anspruch auf Vollständigkeit erhebe und die Schreie der Heuchler schon hören kann): (Anstand + Ansehen der Person + Anzahl der Untergebenen) x Loyalität / (finanzieller Erfolg zum Quadrat).

Das heißt: Je mehr Erfolg jemand/eine Zeitschrift hat, desto stärker wird daran gearbeitet, ihn/sie zu kontrollieren. Man könnte ja was verändern. Wäre ja schlimm. Die Leute könnten ja anfangen, mal selbständig nachzudenken, Fragen zu stellen oder gar ihr unreflektiertes Konsumverhalten ändern.

So ist der hauptsächliche Kampf eines Chefredakteurs in der heutigen, vermeintlich freien Pressewelt der, das letzte verbliebene Bisschen journalistischen Anstand und Idealismus gegen das erdrückende Gewicht des alles zersetzenden Shareholder Value zu verteidigen. Dies gelingt in aller Regel gerade noch beim Wetterbericht. So es überhaupt noch versucht wird. Dies ist kein Vorwurf an die Journalisten. Nur eine traurige Wahrheit.

Wir hatten damals Glück. Die Branche war jung, die Finanzwelt nicht etabliert. Keine großen Firmen. Keine „Globalisierung“. Wir konnten uns Vieles erlauben. Insofern war der Chefred. theoretisch ein mächtiger Mann. Und nicht nur er, was z.B. die nicht geringe Panik in den Augen so mancher Pressedame erklärte, wenn uns ein Titel nicht gefiel. Mit Macht kommt natürlich Verantwortung, und so gelangte man schnell an die feineren Punkte der Verfassens von Rezensionen.

Der Chefred. war natürlich auch einfach ein Kollege. Und zwar derjenige, der zum Chef musste, wenn sich ein Anzeigenkunde beschwerte, dass sein Spiel verrissen wurde. Und derjenige, dem der Anzeigenleiter über die Schulter schaute, wenn ein großer Kunde viele Anzeigen schalten wollte und darüber versuchte, auf die redaktionelle Berichterstattung Einfluss zu nehmen. Kein schöner Job.

Geprägt wurde die ASM von dem, was das Team leistete. Und hier zähle ich die Leistung des Chefreds mit ein, den Redakteuren den Rücken freizuhalten.
?: Manni sagt in einem Interview auf Kultboy.com, dass er die ASM wegen "massiven Grabenkämpfen innerhalb der Redaktion" verlassen hat. Ging es bei euch wirklich so heftig zur Sache?
um: Im Nachhinein betrachtet war es wohl so. Damals habe ich das nur mit Verwunderung zur Kenntnis genommen und mich bemüht, mit allen klar zu kommen. Ich war grün hinter den Ohren, und interessierte mich einzig für meine Arbeit. Ich denke, das wäre auch heute noch so (das mit der Arbeit - ganz so grün bin ich nicht mehr).

Ich bin der Ansicht, dass Menschen sich ihre Meinungen klar und mit Respekt sagen sollten - oder schweigen.
?: Ich hab damals das Feedback-Editorial der ASM 04/'93 dreimal lesen müssen, um zu kapieren, dass Du tatsächlich die Brocken hinschmeißt, Deinen Hut nimmst, und ich nie wieder die dreieinhalb liebgewonnenen Silben "Euer Uli" lesen würde. Für mich war das eine bittere Kiste, denn eigentlich hatte ich damit gerechnet, dass Du (immerhin stellvertretender Chefredakteur) nach Matthias Siegks Abgang seinen Posten erben würdest, genauso wie er als Mannis Stellvertreter dessen Job übernommen hatte. Dann aber war Mats weg und Du gleich hintendrein. Hat man Dir den Chefred-Posten nicht angeboten? Oder wohl, aber Du wolltest nicht? Oder weder noch? Ist Mats überhaupt freiwillig gegangen oder hatte das andere Gründe? Was war da hinter den Kulissen los?
um: Das hatte sich über eine ganze Weile angebahnt. Die Arbeitsverhältnisse und die Arbeitslast waren nach und nach immer unzumutbarer geworden. Überstunden wurden so oder so nicht gezahlt, und was einst ein anständiges Gehalt für einen jungen Mann war, hatte sich angesichts der drei Mann-Jobs, die ich erledigte, in schlicht und ergreifend zu wenig verwandelt.

Schon vor dem Umzug und der quasi zweifachen Übernahme des Tronic-Verlages war ich einer der ersten, die die Verlags-Stechuhr allein mit Überstunden überdrehten. Die Stechuhr war angebracht worden, weil man wohl meinte, wird würden unsere Arbeitszeit nicht „absitzen“ ... wenn einem auf solche Art das Misstrauen ausgesprochen wird, das demotiviert einfach. Letzten Endes arbeiteten wir nur noch für die (langsam schwindenden) Leser, und das in einem Maß, das nicht mehr gesund war.

Vielleicht hätte man mich den Posten machen lassen, doch war ich zu diesem Zeitpunkt bereits so demotiviert, was meine geschäftsführenden Vorgesetzten anging, dass es mir leicht fiel, ein Angebot aus Hamburg anzunehmen, das mein Gehalt aufbesserte und mir die Gelegenheit gab, weiterhin das zu tun, was ich die letzten Jahre getan hatte - in Eschwege gab es nämlich keine echte Alternative.

Ich hatte meinen Vorgesetzten eine Auflistung der Arbeiten gemacht, die ich permanent für die ASM verrichtet hatte (die haben etwas erstaunt geguckt) und ihnen eine Vorstellung gegeben, was ich dafür an Geld gern gehabt hätte. Man lehnte ohne Verhandlung ab, keine Erhöhungen möglich. Keine weiteren Leute, und auch sonst nichts.

Schweren Herzens und doch erleichtert reichte ich meine Kündigung ein. Klar, ein wichtiger Lebensabschnitt ging zu Ende - doch der nächste begann.
?: Statt dem Ober-Uli gab es dann einen Ober-Schmitz an der ASM-Spitze, der mir von Mats in seinem letzten Editorial als "Top-Mann im Spielebereich sowie im Blattmachen" angepriesen wurde – von dem ich allerdings vorher nie gehört hatte. Ich hab mich ziemlich verraten gefühlt, weil da plötzlich jemand am Ruder stand, der mit der ASM bislang so gar nix zu tun hatte. Wo wurde der Schmitz denn hergezaubert? War er Mats tatsächlich "seit langem bekannt" (O-Ton Mats) oder wurde der euch aufgedrückt?
um: Es musste ein neuer Chefred her. Die Auswahl war nicht gerade riesig, und wir standen selbstverständlich in der Pflicht, keinen solchen Krater zu hinterlassen - sondern jemanden einzuarbeiten. Aus dem bestehenden Team hatte (verständlicherweise) niemand ernsthaft Interesse an unseren Jobs, die zu dem Zeitpunkt den fast vollständigen Wegfall von Freizeit bedeutet hätten.

Zwischen Mathias und mir herrschte damals eine aus dem Sachzwang entstandene Einigkeit, was die Wahl „unseres Nachfolgers“ aus den vorhandenen Optionen anging.
Ich kann nicht so vermessen sein zu behaupten, dass ich ihn für den „besten Mann“ für den Job hielt. Auch wäre es ungerecht zu sagen, er sei der am wenigsten ungeeignete gewesen. Er war da und er war bereit, den Job zu machen. Er war schrullig, hatte die Erfahrung im Blattmachen, genügend Erfahrung mit dem Medium und ein Team mit jahrelanger Erfahrung. Das waren eindeutige Qualifikationskriterien.

Peter Schmitz trat zudem ein schweres Erbe an, und er hatte reichlich zu rudern. Einerseits war es fast unmöglich, zwei Workaholics rein vom Arbeitsumfang zu ersetzen, andererseits war er charakterlich ein völlig anderer Mensch als die ASM-Leserschaft zu dieser Zeit gewohnt war.

Das hätte wunderbar nach vorn losgehen können. ASM brauchte konzeptionelle Veränderungen der tief greifenden Art, war es doch lang überfällig, z.B. ein Spiele-Magazin einzig für PC-Spiele zu machen. Die Multiplattformer waren überholt, die Verkaufszahlen sanken. Er hatte mutige Entscheidungen zu treffen, die wir - allein aus der jahrelangen Gewohnheit heraus - nicht so oder gar nicht getroffen hätten. Hätte wunderbar klappen können. Ging aber schief.

Ich war selbst recht überrascht, welche Wendung das Ganze nahm und hatte in dieser Form sicher nicht damit gerechnet. Die Umtitelung in „PC Spiel“, die später erfolgte, hielt ich für sehr gut, jedoch war der Zug da schon abgefahren, und das Konzept nicht konsequent genug, um am Markt bestehen zu können.
?: Nur zwei Ausgaben später machte die ASM auf dem Cover mit einem Artikel über Gotcha-Spieler auf. Mal davon abgesehen, dass so was sicher Geschmacksache ist, hat das wenig (um nicht zu sagen überhaupt gar nichts) mit Computerspielen zu tun, und solche Sachen häuften sich bald. Hattest Du völlig mit dem Magazin abgeschlossen nachdem Du raus warst, oder hast Du die ASM noch mal in die Hand genommen? Wenn ja, was war Dein Eindruck (Stichwort "Spaß-Magazin")?
um: Natürlich schließt man mit dem, was man etliche Jahre gemacht hat, nicht so ohne Weiteres ab. Ich hatte in der Zwischenzeit wieder gut zu tun, und die Entwicklung der ASM nicht aktiv verfolgt, doch irgendwann fielen mir halt so nach und nach einige Ausgaben in die Hände. Die Veränderungen waren weit größer als ich angenommen hatte. Das Gotcha-Cover kam mir auch arg themenfremd vor - wer würde das noch als Computer- und Videospiele-Magazin erkennen? Doch war das halt nicht mehr meine Baustelle ...
?: Keine zwei Jahre nach Deinem Weggang war Schicht im Schacht. Hat Peter Schmitz den Laden tatsächlich so heruntergewirtschaftet wie es viele Fans glauben (Noch mal Stichwort "Spaß-Magazin"), lag das eher an der Übernahme des Tronic-Verlags durch DMV, oder bröckelten der ASM schon 1992/Anfang '93 die Leser weg? Wie erklärst Du Dir den überraschend schnellen Niedergang eines Magazins, das über lange Jahre eine feste Größe am Markt war?
um: Das spielten meines Erachtens mehrere Faktoren ihre bedeutsamen Rollen. Peter Schmitz hat nicht ge- und schon gar nicht heruntergewirtschaftet. Er war ja nicht Geschäftsführer. Er hat das Heft thematisch in einen Bereich gebracht, wo es nicht mehr genügend Leser gab. Der Relaunch als PC Spiel kam dann meines Erachtens zu spät.

Die Rolle der Übernahme erst durch DMV, dann durch die WEKA-Gruppe (die damals DMV geschluckt hat), darf hier nicht unterschätzt werden. Da war hat dieses kleine, organisch gewachsene Unternehmen voller Revoluzzer und Chaoten, und dann kommt eine Firmengruppe und erklärt denen, wie die Dinge ab sofort zu laufen haben. Das sorgt für Missmut, insbesondere wenn es vorab anders dargestellt wird.

Solche Veränderungen geschehen zwangsläufig bei Firmenübernahmen. Organisatorische Zwänge sind dann laut Vorgabe wichtiger als individuelle Vorlieben. Doch wenn gerade diese den Charakter eines Produkts ausmachen, dann stirbt ein Teil des Produkts. Wenn es um viel Geld geht, wird die Seele, das Individuum immer stärker ignoriert. Das hatte ganz klar massiven Einfluss. Leider ein verbreitetes gesellschaftliches Phänomen, das wir uns aus den USA haben einschleppen lassen: Manager, die Macht und Geld wollen, aber nicht wissen, was Verantwortung ist. In gewisser Weise steckt das ja in dem Wort drin: Manager sind halt „Hinbekommer“, das hat mit Abteilungs*leitung*, -*vorsitz*, -*vorstand* etc. halt nichts mehr zu tun.

Letzten Endes denke ich aber, dass die Zeit die ASM einfach überholt hat. Man hätte viel früher mehr und andere Dinge tun müssen, um am Markt erfolgreich zu bleiben. Doch dann wäre man nicht mehr *ASM* gewesen. Insofern war es gut so.


Where are they now?


?: Wie ging es bei Dir weiter, nachdem Du die ASM verlassen hattest?
um: Von der ASM aus ging es nach Hamburg, zu einem kleinen Verlag mit großen Ambitionen. Dort produzierten wir anfangs zwei, später drei Konsolenblätter - GAMERS, TOTAL! und zuletzt noch GAMEPRO. Durch den Weggang von Mathias Siegk war ich nach einiger Zeit Chefredakteur von GAMERS und TOTAL!.

Das war wie ASM-Machen, nur anders. Die Leserschaft im Schnitt jünger, die Ablehnung aller nicht im eigenen Besitz befindlichen Systeme noch krasser. Interessante Herausforderung, da ein wenig die Toleranz zu fördern - also quasi bei der Meinungsbildung direkt gegen „SEGA Magazin“ zu arbeiten, die ständig schrieben, dass es außer Sega nichts Gutes gibt. Naja, die haben ja auch geschrieben, dass ein Fernseher besser ist als ein Monitor, weil das Bild größer ist ... schon seltsam, was einem im Gedächtnis hängen bleibt.
?: Du bist mittlerweile allmächtiger Herrscher über ein namhaftes Studio, das Softwarelokalisierungen besorgt und eine lattenlange Liste bekannter und beliebter Titel eingedeutscht hat. Wie bist Du denn da gelandet (weil: Als den Anglisten unter den ASMlern hab ich eher Manni in Erinnerungen)?
um: Ich erzähl mal einfach weiter. Das kommt nämlich als Nächstes. Den „neuen“ Job verlor ich durch Mobbing. Da war ich echt in den Rücken geschossen. Mit manchem hatte ich gerechnet, aber nicht damit. Dieses Erlebnis hat mich sehr getroffen.
In meiner Verzweiflung begann ich zu überlegen, wovon ich in Zukunft leben wollte. Also machte ich eine Liste der Dinge, die ich konnte und die zum Geldverdienen taugten. Und aus dieser Liste kristallisierte sich das Übersetzen vom Spielen heraus.

Da ich einige gute Beziehungen in die Industrie hatte, und man sich dort schon wunderte, was mit mir geschehen sei (innerhalb der Firma war Redeverbot über dieses Thema verhängt worden - man stelle sich mal diese Hilflosigkeit vor), hatte ich praktisch ab Tag 1 Arbeit, was wohl nicht jeder Neustarter von sich behaupten kann.

Letzten Endes erwies sich mein nicht ganz freiwilliger Start in die Selbständigkeit als wunderbare Fügung des Schicksals. Durch die Kündigung war ich freigestellt worden, bezog also weiterhin mein Gehalt. Anspruch hatte ich auf ein halbes Jahr - und nach 5 Monaten war der Verlag pleite. Zu dieser Zeit hatte ich schon so viel zu tun, dass ich kaum wusste, wie ich es schaffen sollte.

Nach und nach wuchs das dann, schließlich richtete ich das Tonstudio ein und fand Partner in den wichtigen anderen europäischen Territorien.

Manfred war seinerzeit großer England-Fan. Englisch einigermaßen zu beherrschen ist in dem Job jedoch Grundvoraussetzung. Das bedeutet, dass eigentlich fast jeder in der Redaktion sich zumindest gut verständlich machen konnte. Durch die vielen Telefonate und endlosen Messebesuche wird das natürlich wunderbar trainiert.
?: Kann eine deutsche Fassung überhaupt an das Original heranreichen? Wo liegen für Dich die Schwierigkeiten und Herausforderungen einer guten Lokalisierung?
um: Oh ja, das kann sie. Sie kann sie sogar weit übertreffen. Leider ist das selten der Fall. Das liegt mal wieder am Shareholder Value. Es wird zu oft möglichst billig produziert, damit der Gewinn maximal ist. Welche Auswirkungen das hat, sieht man sehr gut z.B. im deutschen Fernsehserien-Synchron, insbesondere bei den Privatsendern, die ja sowieso gewissenlos jeden Mist senden. (Dies schlägt sich inzwischen unter anderem in der zunehmenden Unfähigkeit gerade der momentan heranwachsenden Generation nieder, vernünftige, vollständige Sätze zu bilden.)

Wie das kommt? Beim Synchron müssen die (deutschen) Wörter auf die (fremdsprachigen) Lippenbewegungen passen. Die Satzstellungen von Deutsch und Englisch („Amerikanisch“) z.B. unterscheiden sich aber in vielen Fällen. Insofern müsste man mühsam jeden Satz von Grund auf zurecht schustern - und dann noch in richtigem Deutsch. Eine Arbeit, für die es qualifizierte Spezialisten braucht.
Da das länger dauert und mehr kostet, die Personaldecke bei den Sendern durch den Shareholder Value aber schon so ausgedünnt ist, dass es eh an allen Ecken und Enden brennt, muss es fix gehen und darf nichts kosten. Also wird es hingeschlunzt, denn diejenigen, die die Synchronbücher dann schreiben, haben auch keine Lust, für ein lausiges Geld ihr Herzblut zu geben. Verständlicherweise.

Man nutzt dann den Umstand, dass viele Wörter Vokale an ähnlichen Stellen haben und opfert die Satzstellung. Auch gibt es plötzlich ganz neue Verben im Deutschen, z.B. „realisieren“ dessen neu angedichtete Bedeutung wohl etwas mit plötzlich eintretender Erkenntnis zu tun hat.

Das Tragische daran: Deutsch ist bei Weitem nicht so klobig, wie viele behaupten. Den Beweis haben unsere Dichter ja schon vielfach erbracht. Den Beweis findet man auch im Filmsynchron der 70er Jahre - und oft noch im aktuellen Synchron der großen Kinofilme. Große Filme, ja? *Richtige* Filme. Nicht Pokémon.

Um ein wenig auszuufern: Deutsch ist eine in der Regel weit präzisere Sprache als Englisch. Sie hat einen immensen kulturellen Hintergrund und repräsentiert meines Erachtens das am weitesten entwickelte philosophische Gedankengut. Was nicht heißt, dass jeder Deutsche automatisch ein Philosoph ist. Was aber sehr wohl heißt, dass die feinen Nuancen der Beziehungen zwischen Charakteren, egal ob das nun in einem Film ist oder einer Videosequenz eines Spiels oder in der Sprachausgabe etc. mit bedeutend mehr Tiefe dargestellt werden können, also interessanter sind – realistischer als in anderen Sprachen.
Nun muss der deutsche Übersetzer a.) das Englische richtig begreifen und b.) die menschlichen Ebenen (er-)kennen und c.) seine Muttersprache und d.) das Thema beherrschen.

Bei Spielen ist b.) in der Regel nicht so wichtig. Die Figuren haben leider viel zu selten einen nennenswerten Charakter. Die meisten Lokalisierungen scheitern jedoch an c.) und d.).

Das ist die Theorie. Schön wäre es also, solche Probleme zu haben.

In der Praxis erschwert einem der Umstand das Leben, dass die Entwickler die Lokalisierungen nicht ausreichend in ihrer Planung berücksichtigen. Daher erhalten wir oft zersiedeltes Material, aus dem Abläufe und Zusammenhänge nicht klar hervorgehen, das lückenhaft ist, in sich unlogisch oder schlicht nicht sonderlich gut.

Letzteres ist dabei das geringste Problem. Wir schreiben das ja quasi neu. So haben wir bei Simon the Sorcerer 3D bewiesen, dass ein doch eher mäßiges Original selbst unter schwierigen Umständen in der Loka zulegen kann. Sicher haben wir das Rad nicht neu erfunden, doch wer das Original kennt, ...
?: Wie lange braucht ihr für eine rundherum gelungene Lokalisierung? Habt ihr die notwendige Zeit zur Verfügung oder gibt es wegen den Terminen Stress mit den Auftraggebern?
um: Das hängt stark von Umfang und Schwierigkeit des Projekte ab. Selten hat man wirklich die Zeit, die man gern hätte, und eilig ist es fast immer. Doch das sind wir nicht anders gewohnt. Stress gibt es zum Glück nur selten. Wir tun halt, was möglich ist. Und die meisten Produktmanager bei den Kunden wissen, dass es Grenzen gibt, jenseits derer die Qualität einfach leidet. Die Kunden haben ja auch ein Interesse daran, dass die Qualität letzten Endes stimmt.
Einen schönen und recht realistischen Einblick in die Welt der Medienproduktion erhält man übrigens in den Extras der Herr der Ringe-Trilogie (Extended-Fassung). Hier erlebt man zwar nicht die endlosen Abende, doch man bekommt einen Eindruck, dass bei weitem nicht alles so „geordnet und professionell“ abläuft, wie man sich das oft vorstellt ...
?: Was war in dem Metier Dein bislang härtester Job? Gibt es eine deutsche Version, auf die Du richtig stolz bist?
um: Es gab schon ein paar anstrengende Jobs. Den einen, härtesten Job kann ich jetzt nicht benennen. Es ist z.B. anstrengend, wenn man vom Kunden unter Druck gesetzt wird. Doch das gehört manchmal (leider) dazu. Die haben ja selbst reichlich Stress. Klar sind die dafür auch selbst verantwortlich, doch die dann nötige philosophische Debatte interessiert keinen, wenn die Termine brennen.

Den Ausgang eines besonderen Projektes bedaure ich jedoch. Ohne unser Verschulden war seinerzeit die erste Testversion einer Parser-Übersetzung freigegeben und gemastert worden. Dafür, dass das Ding vorn und hinten nicht fertig war, sah es sogar noch ganz gut aus - besser als Vieles, was man als angeblich final sieht. Doch hätte der Titel viel, viel besser werden können. So was ist dann schon ärgerlich.
?: Schreibst Du heute noch oder hast Du das völlig aufgegeben?
um: Ich komme nicht dazu (was man daran sieht, wie lang ich dafür gebraucht habe, diese Seiten zu schreiben [ca. vier Monate! :D]). Ich schreibe E-Mails an Kunden etc., aber sonst recht wenig. Wenn ich Gelegenheit habe, versuche ich, mir das Klavierspielen beizubringen, widme mich der Meditation und sehe zu, dass ich mal vom Monitor wegkomme, was viel zu selten gelingt. Oder ich miste ein wenig aus und verkaufe alte CDs etc. auf Ebay.
?: Spielst Du heute überhaupt noch (also jenseits Deines beruflichen Hintergrunds)? Wenn ja, was?
um: Eher selten. Um ehrlich zu sein, ist mir die Zeit dafür inzwischen zu schade. Bitte nicht falsch verstehen: Ich bereue nichts, und ich setze mein Spiele-Wissen ja ständig im Beruf ein. Doch ändert sich hier so wenig, dass ich das meistens aus dem Ärmel schütteln kann. Ab und zu nehme ich mir ein angenehmes Spiel vor, wie Sim City oder MahJongg. Total Annihilation hatte es mir vor ein paar Jahren mal angetan. Spiele mit Seele, die spielerisch reizen.
Die neuste Grafik ist da nicht mehr so ausschlaggebend. Zum Beispiel hat mir GTA2 besser als alles gefallen, das danach kam. Das war einfach so genial spielbar ... wenn man von der Geschmacklosigkeit des Inhalts mal absieht. ;)
?: Schreiberei, Spielerei – Wie beurteilst Du den heutigen Spiele- und Spielezeitschriftenmarkt? Was ist besser, was ist schlechter als früher?
um: So genau kenne ich den Markt nicht. Was mir auffällt, wenn ich mal ein Heft sehe, ist, dass heute doch alles recht ordentlich geworden ist. Die Magazine sind sehr gut organisiert, das Layout ist äußerst durchstrukturiert. Ob das nun gut oder schlecht ist, muss wohl jeder für sich entscheiden.
?: Hast Du noch Kontakt zu den Redaktionskollegen von damals?
um: Ab und zu. Michael Anton beschäftige ich als Übersetzer, für Torsten Oppermann arbeiten wir manchmal, dann und wann nehmen wir von Eva Hoogh übersetzte Texte auf. Gerald (Arend - www.klangwelt.info)) macht regelmäßig Nacharbeit für das Tonstudio, Martina [Strack] sehe ich in der Regel auf der Games Convention. Antje [Hink] leitet eine befreundete Agentur, und ich glaube, das war es dann.
?: Nachdem jetzt hoffentlich Deine Nostalgieatome ins Schwingen geraten sind: Dein Lieblingserlebnis aus ASM-Tagen? Irgendwas, an das Du nicht gerne zurückdenkst?
um: Schönes, och, das gibt es einiges: Die steten Messebesuche in London, die Rote-Nasen-Galerie, Mikrowellen-Experimente, Toilettentüren-Eintreten mit Torsten, Joystick-Test-Bilder machen mit dem Verlags-BMW, Baustellenschilder, Flugobst, und so weiter.

Nicht so Schönes gab es auch, doch habe ich kein Problem daran zurückzudenken. Da fällt einem das eigene menschliche Versagen ein, verpasste Gelegenheiten, und der Tag, an dem wir einen Volontär fristlos entlassen mussten, weil er eine Testversion in Umlauf gebracht hatte. Ich bin dann persönlich zu dem Kunden geflogen, um uns zu entschuldigen. Die konnten es gar nicht glauben, dass wir ihn wirklich gefeuert hatten ...
?: Ich hab noch immer ein ganzes Regalbrett voller liebevoll gehorteter ASMs hier. Hast Du noch Ausgaben zuhause?
um: Irgendwo fliegen noch welche herum. Würde ich alles aufheben, dann wäre meine ganze Wohnung voller Regale. Also habe ich mich irgendwann entschlossen, das ganze Zeug verschwinden zu lassen. Die wichtigen Dinge habe ich ja in meiner Erinnerung, alles andere wäre nur Ballast.
?: Wenn ich heute durch alte ASM-Ausgaben blättere und ein Spiel sehe, das ich noch nicht kenne, schmeiß ich den entsprechenden Emulator an, ziehe mir das Game aus dem Netz (viele Spiele, gerade für 8Bit, sind ja inzwischen dankenswerterweise Freeware) und spiele das alte Zeugs. Wie sieht's bei Dir aus, benutzt Du Emulatoren?
um: Nur für die Musik. Schönerweise gibt es reichlich authentisch klingende Plug-ins für Winamp. Habe jetzt auch einiges auf dem iPod. Muss beim C-64-Originalsound noch ein wenig nachholen - die Remixes der letzten Zeit scheren sich ja leider immer weniger um die Originale.
?: Die ASM hatte, nicht zuletzt durch Deine Arbeit, die für ein Spielemagazin engste denkbare Leserbindung. Melden sich heute noch Fans bei Dir (mal abgesehen von mir…)?
um: Das kommt eigentlich nicht vor. Und das wiederum ist kein Wunder. Die Fans von damals sind ja inzwischen um die 30, stehen im Berufsleben, haben Familien etc. und somit ganz andere Themen in ihren Leben. Und mir geht es nicht anders. Ich bin nicht mehr der „Spiele-Uli“ von damals. Ganz nebenbei hoffe ich, dass diejenigen, die ein Interview voller „knick-knack“ erwartet haben, jetzt nicht zu arg verprellt sind.

Es ist schön (und interessant), die alten Zeiten noch mal Revue passieren zu lassen. Was man nicht schon alles gemacht hat ... klar ist dabei, wie sehr ich mich seitdem entwickelt habe. Und das ist gut, denn darum geht es ja im Leben. Ach, jetzt sagt nicht, Ihr habt das nicht gewusst ...
?: Tjo, damit wären wohl die dringlichsten Fragen durch. Ich klink mich an dieser Stelle aus, bedanke mich aufs Herzlichste, wünsche Dir alles Gute und überlasse Dir die letzten Worte:
um: (Anm. d. Red.: Knick-knack, meine Lieben, das war ja eine ganze Schubkarre voll, und wer will das alles bezahlen? Pizza. Ein ganzer Stapel, wer hätte das gedacht.
Im Ernst der Stille sei Folgendes noch beleuchtet: Das Abenteuer, das letzte große, also nicht im Film, sondern so richtig, das wollte ich noch sagen, obwohl, ich schreib ja noch ein Vorwort, vielleicht kommt es da rein, denn das schreibe ich ja zuletzt - daher der Name. Also, das Abenteuer. Das findet man nicht da draußen. Auch nicht im Fernsehen. Oder der Bravo. Ja, auch nicht im Spiegel. Obwohl das viele denken. Das Eigentliche, das ist innen, und wer kennt sich denn da noch aus? Viel zu wenige, so scheint es. Wenn Ihr also die Komplettlösung wollt, die große. Nicht die für Zak McKracken, dann müsst Ihr Euch aufmachen und suchen. So richtig aktiv. Das gibt es kein Vertun und keine Ausreden. Wie anstrengend ist das denn!
Da beginnt das, was man „Leben“ nennt. Alles vorher könnt Ihr scratchen. Also: Arme hoch, Füße auf den Boden und ab sofort alles mal anders machen. Es hilft. Ich lass das Vorwort weg. Viel Spaß noch. - Euer Ulrich)
Dies ist eins der Bilder, mit denen die Stadt Eschwege um Touristen wirbt. Wie fast überall geht es Handel und Gewerbe durch die wunderbare Globalisierung dort nicht so toll. Insofern versucht man, durch den Tourismus Einnahmen zu generieren. Durch den Umstand, dass die Natur dort noch relativ intakt ist, klappt das sogar einigermaßen. Jedenfalls hat's dort jetzt viele Radfahrer. Und mindestens zwei Planwagen, auf denen Herrschaften im Alter unserer Eltern sich heiter einen antrinken. Die aufwändige Retusche zeigt präzise, wie wenig Ahnung ich von Paint Shop habe und ungefähr, wo der Verlag damals war.
Besuch in der Redaktion. Dieser Hippiefreund von Schreibtischnachbar Suck. Sicher ein ganz netter Kerl. Doch was steht der in meinem Bild rum? Na egal. Für die Detailverliebten: In diesem Bild sieht man einiges an Arbeitsmaterial. Links einige Kassetten (!) mit guter Musik. Art of Noise und so. Dahinter Sammelordner mit Heften. Zum Nachschlagen. Rechts eine gute Tastatur. So eine, bei der man noch richtig hört, dass gearbeitet wird. Gibt es nicht mehr. Dahinter eine 5,25"-Floppy-Disk (!!!). Dahinter (oh ja!) der XT. Mit Turbo. Damals arbeitete man monochrom. Bernstein. Links am Monitor Schere (für den händischen Klebeumbruch (=Layout) und ein hochredaktionellews Lineal mit Punktgrößen (=Schriftgrößen). Früher hat man im Lithographenhandwerk den Stift (=frischer Auszubildender) in die Druckerei geschickt, einen Beutel Rasterpunkte holen (Rasterpunktehammer nicht vergessen!). Wir haben der lieben ostdeutschen (das war damals noch besonders) Redaktionsassistenz von unten "Drop" auf dem Rechner installiert. Wenn man eine Weile tippt, fällt irgendwann der erste Buchstabe runter und bleibt unten liegen. :D
Arbeit steht an, und keiner hat Lust. Was also tun? Klar, machen wir Fotos! Fürs nächste Sonderheft, das Impressum, irgendwelche selbstgemachten Lösungen langweiliger Adventures oder den Häkelmuster-Beileger, der die weibliche Leserschaft aktivieren soll. Ist doch egal. Hauptsache man kann sich vor der lästigen Pflicht drücken. Und manchmal kommt sogar ein echter Klassiker dabei raus. ;-)
Das waren noch Zeiten. Jedes Jahr zweimal ECTS in London. Die fand später nur noch einmal im Jahr statt. Ein Jammer. Ich habe die Ausflüge nach London immer sehr genossen - trotz der heftigen Arbeit und des Umstands, dass ich fast jedes Mal eine Grippe bekam. Die haben wir dann einmal abends beim Inder kuriert - "indisch-scharf, wirklich, wirklich"! Selten habe ich so viel geschwitzt, ohne mich körperlich zu betätigen. Aber am nächsten Morgen war ich kuriert!
Marathon Trainer II, glaube ich. Habe ich heiß und innig geliebt. Und hielt wirklich lang, trotz massiver Belastung.
Wieder eine dieser Arbeiten, die keiner machen will. Modellstehen für die T-Shirts, die im ASM-Shop verkauft wurden. Da ich den Shop inhaltlich mitbetreute, blieb das letzten Endes an mir hängen. Später hatten wir aber auch andere "Models", wie unseren Kurierfahrer. Ach, wie hieß er bloß? Ist der recht solide gebaute Herr, der in einer Werbung zu sehen ist.
Ein Bild aus einer netten Fotosession oben im Büro. Mats hat aus dem anderen Fenster fotografiert. Wie man an dem Bild mit dem Schuh sieht, haben wir hier unter Einsatz unseres Lebens gearbeitet. Vielleicht waren wir auch einfach nicht ganz dicht.
Hier ein klassischer Werbefoto-Einsatz. Wie macht man was aus nichts? Irgendwie mussten wir für die (nicht sehr aufregenden) Sammelordner ja werben. Wozu so ein Kampfsport-Training gut sein kann ...
Jeder, der schon mal Fotos für irgend einen Zweck machen musste wird wissen, dass die meisten Fotos eine Session Ausschuss sind. Bilder wie dieses entstehen, wenn der Fotograf einfach weiter draufhält. Auch wenn das Pferd schon tot ist.
Kein Kollege hat Zeit? Kein Fotograf in der Nähe? Selbst ist der Mann. Tod im Spiegel à la Tronic.
Der Baller-Otti. War für ein feiner Kerl! Keiner ballerte so wie er. Auch nicht der Volontär, der den Joystick immer falsch rum hielt. Der hatte gedacht, so sei es richtig und hatte sich dran gewöhnt. Da wurde einem beim Zusehen ganz anders ...
Gegenüber dem alten Verlag meiner Erachtens keine Verbesserung. Vorher war's ein schönes Fachwerkhaus mit Füßgängerzone vor der Tür. Optimal. Konnte ganz zu Beginn mit dem Skateboard zu Arbeit fahren. Hier war ohne Auto kein Blumentopf zu gewinnen.
Hier sieht man klar den technischen Fortschritt, der mit den Jahren kam: 3,5"-Disketten (!), ein eigenes Faxgerät, ein Zweittelefon zum Angeben, ein niemals genutztes Diktiergerät sowie der fiese Nadeldrucker, den ich irgendwo abgestaubt hatte - richtig schön penetrant laut.
Ok, so schlimm war es nicht. Bei dem Bild ging es wohl eher darum, dass man als Dilletanten-Fotograf alles klasse findet, das man zufällig scharf hinbekommen hat.
Ist schon interessant. Wenn man in den USA abseits der Glaspaläste ist, wird es rasant bruchig. Der allgemeine Standard ist überraschend niedrig, deutlich niedriger als bei uns. Ich bin sicher kein Amerika-Feind. Auch dort leben viele gute menschen. Aber dieses Bild der "tollsten Nation der Welt" ist einfach nur eine Medienerfindung.
...
Bei dem Bild ging es wohl eher darum, dass man als Dilletanten-Fotograf alles klasse findet, das man zufällig scharf hinbekommen hat. So ist das Leben nun mal. 80% sind Wiederholungen.
Aus meiner schwarzen Phase. Auch sowas endet zum Glück irgendwann. Der größte Fehler, den man im Leben wohl machen kann, ist an Dingen festzuhalten, die einfach vorbei sind. Das bezog sich jetzt aber nicht auf C-64-Musik. Oder die 80er generell.
Okay, hier die zweite Geschichte. Da war ich (viel später) per Auftrag in Salt Lake City. Diesmal hatte ich eine lange Lederhose an. Abends ging ich mit dem französischen Übersetzerkollegen noch durch die Straßen. Ja, das ist wohl nicht so üblich. In einer der Nebenstraße durfte ich mir dann auch gleich einige saublöde gerufene Bemerkungen von einem offenbar intellektuell benachteiligten US-Bürger anhören. Da lobe ich mir doch China. oder Ägypten. Da versteht man keinen Ton. Zumindest kann man glaubhaft so tun.
So kann man gestressten Redakteuren auch mit kleinen Dingen eine große Freude bereiten.
Schilder sind wichtig. Schließlich leben wir in Deutschland. Das erinnert mich an den mit fantastischem Abstand besten Donald Bug-Comic, den es jemals gab: "Indiana Jones in Deutschland". Ich habe mich kaputtgelacht! Hat den zufällig jemand gescannt?
Ja, es *IST* der Al Bundy-Brunnen. Da waren wir in Chicago auf der CES. Eine ganz passable Stadt. An einem freien Tag haben wir uns halt die Gegend angesehen. Und ich dachte so "Das Ding kennst du doch ...". In Chicago saßen wir später (vor einem Platzregen flüchtend) in einem Cafe. Mats und meine Wenigkeit. Mats mit langer schwarzer Lederhose. Eine ältere Dame fragte ihn dann, ob er ein Rockstar oder sowas sei ... Ich habe derweil die nasse Straße fotografiert. Das erinnert mich gleich an zwei schöne Geschichten. Naja, eine schöne, die andere nicht ganz so schöne. Mein Freund Karl von der Lufthansa-Technik erzählte die erstere. Da saßen wohl Kollegen (oder waren es Freunde?) von ihm mit ... Amerikanern (!) zusammen, und die fragten, wie denn das Leben im primitiven Deutschland so sei. Daraufhin erzählte wohl einer seiner Kollegen "Ach, soweit ganz ok. Schlimm ist es nur, wenn die Elefanten aus den Bergen kommen und die Ernte zertrampeln", woraufhin die Amerikaner recht betroffen-mitleidig dreinschauten. Tja, man hat es nicht leicht. Schon gar nicht in Europa. Die andere Geschichte erzähle ich bei einem anderen Bild. Am besten einem, das so gar nichts damit zu tun hat.

Ist auch auf dem Aufmacher-Bild des großen Joystick-Tests zu sehen. Ich hatte das Vergnügen, bei diesem Schnappschuss am Steuer zu sitzen. Von dem Opfer-Joystick haben wir nur noch Brösel gefunden ...


Diese drei sind recht später Bilder, also kurz vor meinem Ableben bei Tronic/ASM. Beim finsteren Inhalt zählt wohl wieder das "Scharf hinbekommen"-Argument, denn das Motiv hat ja mit Spaß oder Thema irgendwie gar nichts mehr zu tun. Ein Auswuchs unserer damaligen Frustration. Genau wie "Piffy" oder die Rote-Nasen-Galerie. Verflixt, wo ist denn bloß das Bild von der hin? Von Hackethal bis Hägar hingen sie da alle ... ;)


Ein einsames Baustellenschild unweit des Verlags. Was für ein gefundenes Fressen!




Fotos drinnen, Fotos draußen. Irgendwelche Fotos. Ich war immer froh, wenn die Fotografiererei vorbei war. Hatte nie ernsthaft das Bedürfnis, mit Bild im Heft oder sonstwo zu erscheinen. Und noch eins. Und noch eins. Und noch eins. Damals noch vollkommen analog. Wie auch das Layout. Und die Kasettenrekorder. Du meine Güte, ich höre gerade alte Eigenkompositionen von DAT. Heute hat man das alles auf der Platte. Selbst den C-64. Das Gute daran: (Fast) kein Grundrauschen mehr. Doof: Ein riesiger Berg Elektronikschrott und tausend Bänder & Floppies, für die man kein Abspielgerät mehr hat.







Hm, ich glaube, das war gar nicht ca., sonder ein- und derselbe Foto-Spaziergang. Ha, Bilder für zwei Monate auf einem Streich!


Der Messebesuch in Vegas. Mit Besuch bei Westwood - und dem kleinen, weißen Mietwagen. Den hatten wir uns am Flughafen genommen. Und parkten abends am Hotel (dem Excalibur-Märchenschloss). Am nächsten Morgen stellten wir dann mehrere Dinge fest:
1. *Jeder* bekam am Flughafen denselben kleinen, weißen Wagen. Auf dem Parkplatz des Hotel standen gut und gern 200 von der Sorte. Und nein: Er hatte keinen Funk-Türöffner ...
2. Wir waren nicht klüger als all die anderen Messebesucher, an denen wir Richtung Messe vorbeifuhren. Denn auch wir mussten dann umdrehen und sehr, sehr weit weg parken.
3. Es gibt tatsächlich Leute, die morgens an einem Einarmigen Banditen sitzen, und abends, wenn man von 10 Stunden Messe zurückkommt, immer noch (vielleicht eine mechanisierte Puppe?).
4. Es gibt in Vegas einen Taxi-Schichwechsel auf dem "Strip". Wenn der gerade ist, bekommt man einen Block abseits vom Strip mindestens eine Stunde lang kein Taxi. Und danach auch nicht. Denn es ist für Taxifahrer viel bequemer und einträglicher, bloß den Strip rauf und runter zu fahren.
5. Die Busse in Amerika sind nicht nur oftmals äußerst unpünktlich, sondern kommen auch regelmäßig überhaupt nicht.
6. Die Steaks schmecken mir in Deutschland besser als in Amerika. Und sie sind zudem günstiger. Und die Bedienung finde ich auch besser.
7. Mein ganz persönliches Amerika-Hass-Erlebnis: Ich brachte den kleinen weißen Wagen zur Autovermietung zurück. Dazu musste ich volltanken. Also fuhr ich zur Tankstelle. So weit, so gut. Die Tankstelle wurde gerade repariert oder betankt oder irgendwas. Es gab keinen Sprit. Also ging ich hin und fragte, ob es denn lange dauern würde und wo denn gegebenenfalls die nächste Tankstelle sei. Daraufhin zeigte mir der wenig freundliche Herr den Ring an seinem Finger. Der war so gefertigt, dass er aussah, als bestünde er aus einem Dollarschein. Also wollte er das zur kostenpflichtigen Auskunft erheben. Ich schluckte kräftig und verabschiedete mich so höflich ich es in diesem Augenblick vermochte. Ich stieg ins Auto (mit fast leerem Tank) und fuhr die Straße weiter. Nach 200m kam die nächste Tankstelle. Danke, oh großer Chef im Himmel!


Das Interview führte Lukas Jötten. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors gestattet.
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30.07.2012, 01:18 Conquerberos (69 
Großartiges Interview!
In dieser Qualität und Länge liest man so etwas selten im Web; inzwischen auch selten in Printmagazinen.

Da ich erst vor allem durch die TOTAL! zu den Videospielheften gekommen bin, hätte ich gerne noch mehr zu dieser Zeit erfahren. Auch wenn ich jetzt erfahren musste, dass Ulrich Mühl dort weggemobbt worden ist.
Er ist mir schon damals positiv aufgefallen.
29.07.2012, 23:04 Filtertüte (432 
Also, die Geschichte mit den Elefanten, die bei uns die Ernte zertrampeln, ist zum Schießen...
10.09.2010, 22:07 desh79 (68 
Oh, das habe ich vollkommen vergessen. Keinen blassen Schimmer, sorry.

Ok, ich kann vielleicht einen Hinweis geben - mein Pseudonym richtete sich nach einem damals meinerseits sehr geliebten Comic-Duo...
10.09.2010, 20:52 kultboy [Admin] (9637 
Welcher Leserbrief war das genau?
10.09.2010, 20:15 desh79 (68 
Ich nutze die Gelegenheit, um zuzugeben, dass mein 12-jähriges Ich mal einen total behämmerten Leserbrief an die ASM schrieb... und dass dieser auch veröffentlicht wurde.

Stolz? Peinlich ist es mir, weil ich dachte, richtig cool zu sein, aber eigentlich einen hanebüchenen Mist zusammengereimt hatte. Die Sünden der Jugend eben. Allerdings war es gottseidank unter einem Pseudonym geschrieben, und das bekloppteste wurde glücklicherweise von Uli rausgenommen.

Naja, jedenfalls finde ich es grossartig, dass Ulrich Mühl hier als Ehrenmitglied dabei ist und sich auch die Zeit genommen hat, dieses Interview zu machen. Meine Hochachtung.
14.05.2009, 17:26 Aydon_ger (289 
Besser spät als nie: Danke für das Interview.
Vor allem, weil neben der ASM auch die Zeiten beim MVL-Verlag angesprochen wurden. Ich hätte sehr sehr gerne mehr von der Gamers/Total-Zeit erfahren.

Interessant in diesem Zusammenhang der Seitenhieb zum Sega-Magazin. Was damals bei diesem Mag ablief, das ging ja gar nicht.
30.09.2008, 20:25 Herr Planetfall [Mod] (3788 


Ist das schön, wenn man einen Kommentar genau so vorhersieht, wie er dann auch kommt.
30.09.2008, 17:58 kultboy [Admin] (9637 
Hallo Martin! Hast du vielleicht Lust auf ein Interview zur früheren Zeit?
30.09.2008, 16:15 Gast
Zitat "Auch nicht der Volontär, der den Joystick immer falsch rum hielt. Der hatte gedacht, so sei es richtig und hatte sich dran gewöhnt. Da wurde einem beim Zusehen ganz anders ..."

Zur Ergänzung: Ich bekam als Schüler ein Atari VCS 2600. Da ich (damals wie heute) aus Prinzip Anleitungen nicht lese, habe ich mir halt den Joystick geschnappt und losgedaddelt - leider mit der Vorderseite nach hinten. Das kann man beim klassischen Atari-Joystick eben leicht mal verwechseln.

Ich war dann fortan auf Joysticks angewiesen, die man "gedreht" nutzen konnte, wie den Competition Pro 5000.

Martin Klugkist, ASM 1992 bis 1993, info@pqsg.de
07.05.2008, 09:32 lordoid (186 
Wow...wirklich ein super ausführliches Interview.
Danke an alle Beteiligten für Ihre Mühe diesbezüglich.



THX a lot!
13.10.2007, 01:30 Kult (205 
Wow, ich war damals begeistert von den Einleitungen des Secret Service.
Hier jetzt soviele ASM Hintergründe zu erfahren ist genial.
Vielen Dank Uli für all die viele Arbeit damals die meine Jugend so vieles Lebenswerter gemacht haben, sowie für das Interview hier.
Ich glaub es gibt in kaum einer anderen Branche Artikel, die nach so langer Zeit noch in Erinnerung und Gebrauch der Leser sind. Und Leser die sich noch an die Redakteure von damals erinnern. Ich hoffe das wir dir damit ein wenig zurückgeben.

So ein Interview fühlt sich an, als ob man von einem lang verschollenem Freund hört, das es ihm gut geht. Prima
Kommentar wurde am 13.10.2007, 01:31 von Kult editiert.
08.09.2007, 05:41 Herr Planetfall [Mod] (3788 
V. a. weiß man nach dem "Genuß" solcher Plattenkritiken, was für einen Brei ihre Verfasser im Kopf haben. Ich tue mir diesen Verbalschrott auch nicht an.
07.09.2007, 19:18 Frank ciezki [Mod Videos] (2046 
Ulrich Mühl schrieb am 07.09.2007, 18:16:

Ich glaube, die Musikjournalisten haben das anders gelöst. Die gehen nicht, sondern vollführen dann diese unglaubliche Verbalmasturbation, die sie Rezension nennen. In einer Plattenkritik "auf hohem Niveau" muss man ja die Hälfte der Wörter nachschlagen ... (und weiß dann immer noch nicht mehr )


Genau meine Rede.
Die meisten Musikjournalisten wären glaube ich viel lieber Schriftsteller (oder selber Musiker) geworden und lassen ihren Frust darüber,daß es damit nicht geklappt hat in ihren grauenhaft aufgeblasenen Kritiken am Leser aus.
Oft weiß man nachdem man das gelesen hat,dann ungefähr genau so viel über die Qualitäten des Albums wie vorher.
Kommentar wurde am 08.09.2007, 10:51 von Frank ciezki editiert.
07.09.2007, 18:16 Ulrich Mühl [Ehrenmitglied] (14 
Gast schrieb am 06.09.2007, 09:30:
[1.] Wundert mich wirklich, dass sich jemand, der scheinbar alle Hände voll zu tun hat, sich soviel Zeit nimmt.
...
[2.] Während sich die Spielegurus meiner Jugend fast samt und sonders von ihrer Spielevergangenheit distanzieren.


Zu 1.) Das ist einfach. Der Tag hat 24 Stunden. Und wenn die nicht reichen, nimmt man halt die Nacht noch dazu ...

Klar hab ich reichlich zu tun, aber Spaß muss auch mal sein. Es hat immerhin 4 Monate gedauert, bis ich mal hingesetzt habe. Und da ich Dinge ungern halb mache ...

Zu 2.) Ich glaube, "distanziert" hat sich niemand (hieße ja, es abzulehnen). Bloß andere Interessen entwickelt. Und das ist bei mehreren Jahren Ganztagesbeschäftigung mit dem Thema nicht unbedingt seltsam. Irgendwann hat man zudem als Journalist die vermeintliche "Pressefreiheit" satt und einfach keinen Spaß mehr an der Wirtschaftsdiktatur.

Ich glaube, die Musikjournalisten haben das anders gelöst. Die gehen nicht, sondern vollführen dann diese unglaubliche Verbalmasturbation, die sie Rezension nennen. In einer Plattenkritik "auf hohem Niveau" muss man ja die Hälfte der Wörter nachschlagen ... (und weiß dann immer noch nicht mehr )
07.09.2007, 10:27 Greg Bradley (2568 
Da bleibt einem glatt die Spucke weg. Man muss sagen, Lari-Fari führt diese Seite in eine neue Ära der Professionalität. Woher nimmt er nur die Zeit dafür? Ich für meinen Teil habe weiß ja noch nicht einmal, wann ich das alles LESEN soll.
Wie dem auch sei, vorab schon mal heißen Dank an Lari und vor allem natürlich Uli Mühl, der einen nicht unerheblichen Anteil daran hatte, dass die ASM zu dem wurde, was sie als das Spaß-Magazin schon lange nicht mehr war.

Knick-knack.
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