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Das Interview wurde am 21.11.2015 veröffentlicht.

Steckbrief
Grafik Name: Joachim Nettelbeck
Jahrgang: 1957



Grafik
Copyright: Markus Ziegler

Der Elch und ich sind weiterhin jederzeit bereit, die Wahrheit zu verkünden wie einst Waldorf und Statler. :-)


?: Servus Joachim. Nachdem mir Dein Ex-Kollege Diet...ähhhm...ich meine natürlich Max Magenauer eine, nennen wir es mal, Abfuhr in Sachen Rede und Antwort stehen erteilt hat, darfst Du Dich nun für Kultboy.com ausquetschen lassen. In dem Zuge sag ich schon mal vorab im Namen aller Kultboy-Mitglieder Danke!

Genau wie bei den anderen von mir interviewten Joker-Redakteure möchte ich Dich zuallererst fragen, wie Du damals auf den in Haar beheimateten Joker-Verlag gestoßen bist? War das eher Zufall oder warst Du wild entschlossen, in genau diesem Unternehmen als "Senior" (Zitat "Betriebsgeheimnis" Amiga Joker 2/91) Deine Erfahrung aktiv einzubringen?
jn: Ach, das war Ende 1990. Ich hatte mir einen Joker gekauft, eines der ersten Hefte überhaupt. Da war eine Anzeige drin, in der Redakteure gesucht wurden. Ich dachte mir: "Och, kuck ma, damit können sie ja wohl bloß dich meinen!" Tja, und so war es dann auch. Mitten durch einen Schneesturm fuhr ich nach München zum Vorstellungsgespräch und wäre dabei von einem unachtsamen Spurwechsler um ein Haar ums Leben gebracht worden. Aber mein magischer Katastrophenschild bewahrte mich vor Unbill, und das überzeugte dann wohl auch Michael. Meine erste Herkulestat war übrigens die Beantwortung liegengebliebener Leserbriefe, zur allumfassenden Zufriedenheit Brigittas ...
?: Um ein Haar auf dem Weg nach Haar durch eine haarige Spurwechselaktion fast von der Strecke gerammt? Solch lebensgefährliche "Missionen" müssen halt belohnt werden; Michael und die gesamte Joker-Leserschaft sind jedenfalls froh, dass Dir bei Deiner haarsträubenden Bewerbungsfahrt Gott sei Dank kein Haar gekrümmt wurde. ;)

Stimmt! Im Amiga Joker 2/91, Deinem Debüt-Joker sozusagen, konnten noch keine Spieletests von Dir bewundert werden. Dafür strotzte die darauffolgende Märzausgabe nur so mit nette(l)n Rezensionen. Kannst Du Dich zufällig an Deinen allerersten Gametest erinnern? War es vielleicht der Beitrag zum Hit "GEM' X", der sehr durchschnittliche "Wargame Construction Set" Aufguss oder doch der mit dem kotzenden Joker untermalte "World Championship Soccer" Rohrkrepierer?
jn: Mein allererster Test war so ein Puzzleteil. Das war gar nicht übel, soweit ich mich entsinne. Könnte tatsächlich GEM'X geheißen haben, das würde ich jetzt aber nicht beschwören wollen. Damals hatten die Isar-Amper-Werke Probleme mit der kontinuierlichen Stromversorgung, und Michael wies mich darauf hin. "Save early, save often", sagte er. Tat ich dann auch. Nur beim Schreiben des Artikels nicht. Als ich fast fertig war, kam es, wie es kommen musste: Zapppp, der Strom war weg. Mein Text leider auch. Tja, so lernt man am besten.
?: Um gleich mal beim Thema Tests zu bleiben: Uns alle interessiert es brennend, wie ihr die Gewichtung bei der Vergabe der Prozente hinbekommen habt. Gab es bei euch ein ausgeklügeltes Berechnungssystem oder gab es bestimmte Spiele/Genre-Gradmesser, die ein differenziertes Bewerten ermöglichten?
jn: Nein, es gab keine Berechnung. Es gab auch keine feststehende Gewichtung der einzelnen Faktoren. Klar, bei einer Rundenstrategie spielt die Grafik eine wesentlich geringere Rolle als bei einem Ego-Shooter. Tatsächlich sind diese ganzen Faktoren ja auch bloß Hilfskonstruktionen. Denn in Wahrheit schaut es doch so aus, dass am Ende des Tages ein ganz schwer zu fassender und zu objektivierender Bestandteil über Top oder Flop entscheidet, den ich gerne die "Seele" des Spiels nenne. Ist sie da, spürst du es in den ersten zehn Minuten. Ist sie nicht da, hilft auch das tollste Handwerk nicht wirklich. Natürlich gibt es Fälle, in denen man z.B. wegen einer echt schaurigen Steuerung das Spiel abwertet, aber der entscheidende Punkt ist die Seele. Nur kann man das nicht gut schreiben und schon gar nicht belegen, also behilft man sich mit Sound- oder Grafiknoten.
?: Dann erkläre uns doch mal in einem Satz, welch ominöse "Seele" der Richi beim Test "Rise of the Robots" erkannt hat? ;)
jn: Da musste ich mich erstmal bei euch schlau machen, weil ich mich kaum an mehr als den Titel erinnern kann. Aber gut, ein Prügelteil, da frage ich mich auch immer, was man an denen finden soll. Richy wird's wissen, aber ich vermute mal, dass die Optik ihn weggeblasen hat, Richy war schon immer sehr grafikintensiv.
?: Verweilen wir noch ein wenig bei der spannenden Test-Thematik und kramen uns den Amiga Joker 10/93 hervor. In jenem Heft hast Du das Spiel Jack the Ripper getestet. Da das Spiel letztendlich nie auf Commodores Freundin erschienen ist, quält uns die Frage: Was für eine Vorabversion hattest Du damals auf Deinem Schreibtisch liegen?
jn: Ja, das frage ich mich auch. Einen bleibenden Eindruck hat das Spiel bei mir jedenfalls nicht hinterlassen, was man ja auch an der Lala-Wertung erkennen kann. Aber damals in der Spätphase des Amigas ist es schon hin und wieder vorgekommen, dass Spiele dann doch nicht mehr erschienen sind - was natürlich blöd war, wenn man eine Vorabversion bereits im Test hatte. Da gab es auch noch andere Fälle, zum Beispiel dieses Teil von Software 2000 mit dem Jungen im Rollstuhl. Das ist dann aber zwei oder drei Jahre später doch noch rausgekommen, glaube ich, allerdings eher schlecht gealtert ...
?: Du sprichst sicherlich von Jonathan. Auch ein bei uns sehr heiß diskutierter Titel. Das Spiel wurde von euch hoch bewertet und mit der Joker Hittrophäe bedacht. Der PC Player sah das völlig anders, genauergenommen watschte Herr Schneider-Johne es mit 22% regelrecht ab.
Wo wir auch schon bei den nächsten Fragen wären: Wie schwer wiegte für Dich der Abschied vom altehrwürdigen Joker-Verlag? Wie hast Du Deine Redakteurtätigkeit im Hinblick auf das Umfeld bei der Power Play und der PC Player wahrgenommen?
jn: Ja, genau: Jonathan. Ob es je einen Hit verdient hat, scheint mir rückblickend in der Tat recht fraglich zu sein. Aber 22% ist dann auch extrem. Ich glaube, dass sich in dieser Zeit (zwischen der Joker-Wertung und dem tatsächlichen Erscheinen) ein enorm starker Wandel im Stil von Computerspielen vollzogen hat, ermöglicht durch die besseren technischen Möglichkeiten (z.B. CD-ROM). Da waren dann Spiele wie Jonathan (und auch seine Vorgänger) plötzlich irgendwie out. Das mag die 22% vielleicht zumindest teilweise erklären.

Joker: Ich habe schon recht lange vorher gewusst (oder zumindest geahnt), dass dieser Tag irgendwann kommen würde, insofern war das in meinem Erleben keine so dramatische Sache. Wenngleich mir der Abschied von vielen über die Jahre liebgewonnenen Kollegen und Kolleginnen doch sehr schwer gefallen ist - das war aber eine eher persönliche Sache. Klar haben wir uns auch später mal getroffen, und bis heute gehe ich hin und wieder mit Markus oder den Schnelles essen, aber das ist eben nicht dasselbe. Gute Kollegen gibt es natürlich überall, auch in der Power Play-Redaktion bzw. bei der PC Player gab es die. In der Player zum Beispiel war Manfred mein Chef, was ich recht lustig fand. Aber dann ging es halt beim Future-Verlag zu Ende, und bei Koch Media traf ich wieder auf Markus und Steffen. Tja, einmal Joker, und man wird die Bande nie wieder richtig los ... ;-)
?: Hiermit hast Du perfekt die Überleitung zu der folgenden Fragestellung in die Wege geleitet, denn bezüglich der Kollegen möchte ich tiefer ins Detail gehen:
Mancher Redakteur - wie Reinhard Fischer - scheint ja anscheinend reichlich Zeit für andere Dinge gehabt zu haben. Fischer hat mal in einem Interview erzählt, dass er ein Programm auf Deinem PC installierte und so eine gelöschte Festplatte simulierte. Der Streich sei zwar folgenlos geblieben, aber solche Aktionen haben doch negative Auswirkungen auf das kollegiale Verhältnis gehabt, oder? Wie war die Arbeitsatmosphäre und das Verhältnis der (Joker-) Redakteure untereinander? Gab es vielleicht sogar Grüppchen-Bildungen?
jn: Jack (=Reinhard Fischer): Ach du liebe Zeit, ja, ganz düster erinnere ich mich, dass da was war. Wenn du es nicht erwähnt hättest, hätte ich es wohl auf ewig vergessen. Das war eine ganz hübsche Schrecksekunde, glaube ich. Hat aber keine dauerhaft nachteiligen Auswirkungen gehabt.

Weit ärgerlicher fand ich da schon Richys Aktion: Ich hatte damals irgendwo eine Anzeige über eine gut erhaltene Perry-Rhodan-Sammlung der ersten 700 Hefte gesehen und die auch bestellt. Damals kostete sowas noch einen Haufen Geld, weil man ja auf die gedruckten Exemplare angewiesen war, und die waren teils recht teuer. Ich hatte mir das Zeug in den Verlag liefern lassen, weil ich tagsüber natürlich nicht zu Hause war. Abends hab ich dann immer eine Tüte mit 50 Heften mit heimgenommen. Irgendwann (es waren immer noch ein paar Hundert Hefte im Verlag) kam Richy abends auf die glorreiche Idee, den Karton zu verstecken. Am nächsten Morgen traf mich schier der Schlag. Zumal Richy natürlich recht spät eintrudelte, und bis dahin hatte ich schon den halben Verlag verrückt gemacht. Wenn ich ehrlich bin, muss ich gestehen, dass ich ihm das bis heute nachtrage; ich habe auch keinen Kontakt mehr mit ihm.

Mit Max Magenauer konnte man sich auch hin und wieder zoffen, einfach weil er einem gelegentlich extrem auf die Nerven ging. Aber das war immer nur ein kurzes Gewitter - nach einer Stunde war wieder eitel Sonnenschein. Man kann Max einfach nicht dauerhaft böse sein. Ansonsten aber war die Atmosphäre eigentlich stets positiv wahnsinnig. Der Joker-Verlag damals war ja ungefähr das, was man heute Start-Up nennen würde. Und in einem Start-Up kannst du nur arbeiten, wenn alle leidenschaftlich bekloppt sind, sonst kriegst du die Krise ... :-)

An Grüppchen kann ich mich nicht erinnern. Gut, ein bisschen ergab sich das einfach dadurch, dass man halt mit X und Y zusammen ein Büro hatte, mit A und Z hingegen nicht. Aber wenn wir abends noch in einen Biergarten oder eine Kneipe sind, war es eigentlich recht egal, wer sich neben einem das Bier reinschüttete.
?: Die Käufer von Rise of the Robots fühlen mit Dir, denn auch sie haben bis heute nachtragende Gefühle, was den Herrn Löwenstein anbelangt. ;)
Versetz' Dich bitte nochmal für uns in die Zeit beim Joker-Verlag. Habt ihr ab und an auf die Konkurrenz geschielt? Hierbei wäre von besonderem Belang, wie ihr mit der Amiga Games als unmittelbaren Widersacher umgegangen seid.
jn: Haben wir auf die anderen Hefte geschielt? Ja und nein. Natürlich schaut man immer auf die Konkurrenz, das liegt in der Natur der Sache. Aber es hat halt jedes Magazin einen sehr eigenen Stil. Das kann man bei den derzeitigen Titeln ja heute noch sehen. Man schaut halt rein und findet dieses gut und jenes albern, aber letzten Endes muss man seinen eigenen Weg gehen. Was beim Magazin X funktioniert, funktioniert beim Magazin Y noch lange nicht. Mir persönlich beispielsweise kam die Amiga Games immer zu brav vor, aber vielleicht ist das die zwangsläufige Folge, wenn man in einem vergleichsweise großen Verlag erscheint. Und offenkundig hat es ja auch nicht jeder so gesehen. Ich glaube übrigens, wenn ich mal kurz abschweifen darf, dass die Printmagazine (nicht nur im Gamesbereich, aber vor allem da) vor großen Herausforderungen stehen. Warum eigentlich soll ich mir heute ein Gamesmagazin kaufen? Alle Infos über die Titel, die mich interessieren, finde ich Wochen vorher im Internet. Demos lade ich einfach herunter und schaue dann selbst, ob mir das Ding gefällt oder nicht. Den Segen eines Redakteurs benötige ich nicht mehr für meine Kaufentscheidung. Also, warum sollte ich? Meines Erachtens werden die Magazine hauptsächlich noch aus alter Gewohnheit gekauft, aber das hält natürlich nicht ewig - und die goldene Formel, wie man mit Journalismus im Internet Geld verdienen kann, hat noch keiner so richtig gefunden. Nicht mal bei den großen Zeitungen oder politischen Magazinen.

Aber es war schon eine tolle Zeit, solange sie dauerte. Darauf kommt's an.
?: Wie siehst Du als Product Manager die IVW-Zahlen der Magazine: Stimmen die Auflagenzahlen oder wird auch heute noch manipuliert?
jn: In die Verkaufszahlen von Magazinen habe ich natürlich keinen Einblick, aber ich würde sie generell mit einer Prise Vorsicht betrachten. Mein Paradebeispiel ist da immer die inzwischen nicht mehr existierende Financial Times Deutschland, die jahrelang eine verkaufte Auflage von ca. 100.000 Exemplaren meldete. Allerdings waren davon zuletzt 46.000 Bordexemplare in ICEs und Fliegern, die natürlich kein Geld einbrachten. Aber selbst in besseren Zeiten hat die FTD laut Wiki keinen Gewinn abgeworfen ... Was anderes: Deine Frageformulierung lässt mich annehmen, dass du mich nach wie vor als Produktmanager bei Koch Media wähnst. Dem ist schon längst nicht mehr so. Ich habe mich 2005 (glaube ich) sozusagen ins Privatleben zurückgezogen, mache meiner Frau den Haushalt, bespaße unsere Katzen und spiele nur noch das, was mir gefällt. Das ist ein durchaus angenehmes Leben.
?: Der Spielepresse wurde Dein "Neuro Hunter" als Mischung aus "System Shock 2", "Deus Ex" und "Gothic" angepriesen, doch das haben nicht alle Spielejournalisten so gesehen. So wurde "Neuro Hunter" beispielsweise bei Gameswelt von Michael Beer stark kritisiert. Wie geht man mit der Kritik der Ex-Kollegen um, wenn man jetzt selbst der Executive Producer ist?
jn: Neuro Hunter ist meines Erachtens unter Wert geratet worden. Aber, nun ja, Deep Silver war damals noch ein Newcomer, heute würde man sagen ein Indie-Label. Nur dass es seinerzeit eben noch keine Indie-Welle gab. Man darf sich sowas als Produktmanager nicht zu Herzen nehmen: Wenn jedes Projekt ein großer Erfolg würde, dann wäre das so eine Art Gottesbeweis oder so - ähnlich wie bei den Buchverlagen, scheint mir. Dafür war dann ja z.B. Singles ein echter Kassenschlager. Und Wildlife Park hat sich auch ziemlich ordentlich verkauft, soweit ich mich entsinne.
?: Ich möchte nochmal auf den Joker zurückkommen. Die Joker-Ikone war ja stets "Nomen est omen" für eine einfallsreiche, witzige und schelmische Darbietungsweise des Lesestoffs. Dahingehend fällt mir just der Aprilscherz "The Solver" ein, auf den ich damals komplett reingefallen bin (einzig und allein der Entwickler des Spiels hätte mir die Augen öffnen müssen). Bist Du ganz alleine auf diese geniale (Scherz-) Idee gekommen? Weißt Du noch, wer das glaubhafte Bild der Bedienungsoberfläche entworfen hat?
jn: Hihi, ja, "The Solver" war eine meiner Sternstunden. Ist mir in der Badewanne eingefallen. Viele Dinge fallen mir in der Badewanne ein, nebenbei gesagt. Die Überlegung war: Eigentlich müsste man doch zumindest bei Textadventures einen automatischen Lösungsalgorythmus programmieren können. Mir selbst kommt das noch heute recht plausibel vor - das ist wohl der Grund, warum es auch andere überzeugt hat. Dass es bei Grafikadventures ebenfalls funktionieren würde, wage ich allerdings zu bezweifeln. Aber bis zu diesem Punkt hatte die Idee schon den meisten Lesern eingeleuchtet, und dann wurde das gar nicht mehr wirklich hinterfragt. Den "Screenshot" hat damals Karl, der Layouter, gebastelt, soweit ich mich entsinne. Rejok Design war natürlich schon ein sehr starker Hinweis, und ich hatte eigentlich damit gerechnet, dass es den Leuten spätestens hier wie Schuppen von den Haaren fallen würde, aber offenbar hat kaum jemand darauf geachtet. Dass der Solver dann später in einigen Händleranzeigen auftauchte, hat ihn noch extra geadelt.
?: Des Weiteren konnten sich die Joker-Leser einen feschen "Joker-Joe" an die Wand pinnen, der Rambo-like die Muskeln spielen ließ. Wem entsprang diese Idee? Musstest Du Dich damals wirklich mit so schwerem Geschütz durch die Spieleberge auf Deinem Schreibtisch ackern? Ein proppevoller Tisch mit den neuesten Games ist doch ein Traum eines jeden Zockers (soweit er auch danach gern die Schreibfeder schwingt), oder? Gab es in dem Zusammenhang den perfekten Testbericht für Dich, bei dem Dich einerseits das getestete Spiel vom Hocker riss und andererseits das nachfolgende Resümieren Dich auf Redakteurwolke Nummero 7 schweben ließ?
jn: Joker-Joe hat, glaube ich, ursprünglich Karl (schon wieder der) zu verantworten. Soweit ich mich vage entsinne, hatte er irgendein neues Grafikdesign-Spielzeug gekauft und mit Joker-Joe sozusagen ein proof of concept abgeliefert. Michael fand das Ding selbstredend auf der Stelle genial (mit absurdem Zeugs konnte man ihm immer und jederzeit kommen) und druckte es ab. Die Krönung war dann natürlich, dass ich ein paar Wochen später "Schmidteinander" schaute und Feuerstein das Poster in die Kamera hielt. ROFL!

Was das Spieletesten und Artikelschreiben angeht, so war das tatsächlich in vielerlei Hinsicht sowas wie ein Traumjob. Natürlich hatte er auch Schattenseiten, wie jeder Job. Der Stundenaufwand beispielsweise war unermesslich. Jeder Gewerkschafter wäre da sofort mit galoppierendem Herzinfarkt verblichen. Sowas geht eben nur, wenn es das ist, was du tatsächlich tun willst. Spiele, die mich lange fasziniert haben, gab es nicht so schrecklich viele. "System Shock 2" gehörte dazu, "Planescape", "Baldur's Gate 2", aber auch die verschiedenen "Sim City"-Varianten oder 4X-Spiele wie "Master of Orion" und (nach etlichen Anläufen) "Galactic Civilizations 2". Der mit Abstand größte Stundenfresser war für mich aber wohl "World of Warcraft". Mir hatte das erst schon vom Anschauen her gar nicht gefallen. Viel zu putzige Grafik, außerdem spielte ich damals "Everquest". Aber Mic Schnelle hat mich so lange belabert, bis ich es ausprobierte - und schon war es um mich geschehen ...
?: Wo wir gerade bei den Games sind:. Warst Du nicht mal begeistert von "Elite 2"? Wenn ja, kann man Dir womöglich bei "Elite: Dangerous" über den Weg fliegen? Auch so müsste doch genug Freiraum zum Daddeln etlicher (alter) Spieleperlen gegeben sein, da Dir, wie Du es zuvor angedeutet hast, Deine Frau den Zockerrücken bestens freihält?
Welcher Spieleplattform (gehört vielleicht sogar noch der Amiga dazu?) widmest Du die meiste Zeit?
jn: Ach ja, Elite 2 und dann danach Frontier. Ja, das waren schon irre Dinger, insbesondere das buchstäblich unendliche Universum dort. Ich gestehe, dass ich bereits seit Monaten um Dangerous herumschleiche, allerdings haben mich bislang die eher mitteltollen User-Reviews abgehalten: schlechte Benutzerführung, man weiß nicht, was man tun soll (und wie), ohnehin gibt es nicht viel zu tun und so weiter. Kann natürlich sein, dass das einfach die neue Generation der Spieler ist, die mit Leitplanken und Handlungsanweisungen dermaßen verwöhnt worden sind, dass sie mit einem Mach-was-du-willst-Universum einfach nicht mehr zurechtkommen. Aber vielleicht kannst du dazu mal ein bisschen was sagen? Spieleplattform ist bei mir schon lange nur noch der PC. Die Wahrheit ist, dass er einfach die meisten Möglichkeiten (und die stärkste Hardware) zu bieten hat. Zwischendurch habe ich es mal mit dem einen oder anderen Handheld probiert, bin aber immer rasch wieder davon abgekommen. Im wesentlichen halte ich mich dabei an Plattformen wie Steam oder gog.com - dort gibt es auch jede Menge alte Schätzchen, die für die neuen Betriebssysteme fit gemacht worden sind. Lustig dabei ist, dass ich eigentlich immer ein Gegner von Steam war (ich brauche die Argumente wohl nicht extra aufzuzählen), aber auch da ist es mir so gegangen wie mit WoW: einmal ausprobiert und schon zu spät. Das Auto-Patchen ist z.B. genial, auch die Möglichkeit, mit Early Access Beta- oder gar Alphaversionen zu kaufen und dann durch Feedback auf die Entwicklung Einfluss zu nehmen. Natürlich ist Early Access immer ein Risiko. Man weiß nie, ob das Spiel wirklich zu Ende entwickelt wird, und ob es dann am Ende so ist, wie man sich das vorgestellt hat.

Übrigens hat das Auto-Patchen aus meiner Sicht auch einen gravierenden Nachteil: Manche Spiele, die nur noch oder hauptsächlich über Steam vertrieben werden, werden heutzutage schon in einem Zustand veröffentlicht, der früher bestenfalls eine frühe Beta gewesen wäre. Da werden dann in den Patches noch grundlegende Veränderungen am Gameplay vorgenommen (nicht bloß Erweiterungen) oder der Patch killt zehn alte Bugs und baut dafür fünf neue ein (oder reaktiviert alte, die eigentlich schon beseitigt waren). Die Patches kommen dann manchmal im Wochenrhythmus oder zumindest einmal im Monat, und wenn da gravierende Dinge geändert werden, die nicht selten auch Rückwirkungen auf die Funktionalität der Savestände haben, dann ist das schon nervig. Ich habe mir inzwischen vorgenommen, kein Spiel mehr zu kaufen, das jünger als ein Jahr ist. Damit umgeht man diese Probleme einigermaßen, und außerdem ist es dann schon günstiger. Vor allem, wenn man auf ein Angebot wartet. Übrigens: Dangerous fällt da ja auch noch für ein paar Monate unter Quarantäne ... ;-)
?: Genau! Was Steam anbelangt kann ich Dir uneingeschränkt beipflichten.
Zu Elite: Dangerous wird Dir sicherlich unser Jochen später bei den Kommentaren zu diesem Interview etwas berichten können, da er mir diesbezüglich auch die Frage hat zukommen lassen. Ich bin nämlich alles andere als "elitär" bewandert.
Dir, lieber Joe, möchte ich ein ganz großes Dankeschön für Deine Zeit, die sehr interessanten Statements und die zum Schmunzeln anregenden Anekdoten rübersenden. Darüber hinaus hast Du hiermit eine Einladung für kultboy.com vorliegen, die Dich zur Anmeldung dort ermächtigt. :) Wir alle würden uns sehr freuen Dich dort begrüßen und mit Dir noch ein wenig über die guten alten Zeiten fachsimpeln zu dürfen. In diesem Sinne...Alles Gute und bis hoffentlich bald!


Interviewer war jan.hondafn2. Das Copyright des Interviews unterliegt jan.hondafn2 sowie Joachim Nettelbeck,
eine Kopie hiervon darf nur mit Genehmigung gemacht werden!
User-Kommentare: (13)Seiten: [1] 
27.11.2015, 10:39 Aydon_ger (377 
Ich finde seine Antworten sehr interessant und sehr "reif", ohne dass er verbohrt oder ähnliches klingt. Schönes Interview, hätte mich sehr gefreut nochmal Artikel von ihm lesen zu können.

PS: Das mit Perry Rhodan kann ich total nachvollziehen, hatte damals 400 kg Heftromane gekauft und die aus dem 6. Stock eines Hochhauses getragen... ;-) Naja, Fans halt
25.11.2015, 05:40 Adept (1038 
Das Loch im Raum-Zeit-kontinium hat eh The Solver gerissen. Ich war deswegen mit den Adventures zu schnell fertig, das verkraftete die Timeline nicht.
24.11.2015, 22:27 Papa Joe [Ehrenmitglied] (2 
@cassidy:
Echt jetzt? Das belegt meine These, dass das Universum hauptsächlich aus Dimensionslöchern besteht. Zum Beispiel auch all die Socken, die aus Waschmaschinen verschwinden - was glaubst du, wo die landen? Selbstverständlich hinter dem Ereignishorizont des großen Schwarzen Lochs im Zentrum der Milchstraße.
Ja.
Das musste mal gesagt werden.
24.11.2015, 22:04 cassidy [Mod] (3113 
@PapaJoe:
Das kann nicht sein. Wir sind hier Alle maximal fünfzehn,sechzehn und freuen uns auf die WM nächstes Jahr in Italien! Ich hoffe, dass Lothar und die Jungs ordentlich was reißen!

P.s.:
Danke fürs Interview!
24.11.2015, 21:58 Papa Joe [Ehrenmitglied] (2 
Servus allerseits, und danke für die vielen Blumen.
Ich staune immer wieder, wie die Zeit vergangen ist. Jetzt geh ich tatsächlich stramm auf die 60 zu - unfuckingfassbar ...
23.11.2015, 16:22 Pat (3122 
Ein tolles Interview und sehr sympathisch der Joe!
22.11.2015, 15:52 Darkpunk (2124 
Als Amiga Joker-Veteran (inklusive Abo), freut es ich mich immer sehr, von ehemaligen Redakteuren meiner Lieblingszeitschrift zu lesen. Danke für das Interview und liebe Grüße an Joachim.
22.11.2015, 12:11 LordRudi (722 
"Max Magenauer".... Was für ein Name!
Toll!
22.11.2015, 11:15 drym (3483 
Dank an Joe und Jan für dieses erhellende und unterhaltsame Interview!
22.11.2015, 06:30 Twinworld (1891 
Schönes Interview von Papa Joe mit interesanten einblicken wie alles begann.
Wenn ich dann lese wie einfach es anscheinend war Spieleredakteur zu werden ärgere ich mich doch darüber es nicht selbst versucht zu haben.
Allein die vorstellung Redakteur beim Joker war bestimmt ne geile Zeit.
21.11.2015, 20:31 Adept (1038 
Mein Lieblingsredakteur. Irgendwie isses heute noch cool, seine Statements zu lesen. Kommt und kam mir immer sehr bodenständig vor...und das mag ich sehr.

Danke für die vielen coolen Texte, Sir Nettel von Beck.
21.11.2015, 19:52 SarahKreuz (7984 
Voll vernünftig, die Spiele nicht gleich bei Release zu spielen. Bekomme ich die neiste Zeit auch hin (Ausnahmen wie Gothic 3, Fallout 4 und Witcher 3 bestätigen da echt nur die Regel). Gerade auf dem PC macht es einfach Sinn, die erste Patch-Welle abzuwarten.

Ansonsten cooles Interview. Und mein Beileid für den Streich mit den Perry Rhodan-Romanheften. Muss schon ein sehr einschneidendes Erlebnis gewesen sein, wenn er sich heute noch dran erinnert.
21.11.2015, 12:42 hunter3000 (726 
Klasse! Unser Mann im Software-Dschungel
Seiten: [1] 


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